«Wie bleibe ich mitten in den Zerstreuungen des Lebens gesammelt?  Es gibt keine einfache, keine endgültige Antwort. Ich habe nur Anhaltspunkte, Muscheln aus dem Meer. Für mich liegt die Lösung weder darin, dass ich dem Leben völlig entsage, noch darin, dass ich es völlig bejahe. Ich muss irgendwie einen Ausgleich finden oder einen Rhythmus, der zwischen diesen beiden Extremen abwechselt. » «Muscheln in meiner Hand» hiess das Lebenshilfebuch von Anne Morrow Lindbergh, das 1955 erschien und allein in den USA 20 Millionen mal verkauft wurde.
Sie kolportierte nicht Schulweisheiten, die am 22.Juni 1906 geborene Tochter des US-Senators Morrow, sie wurde vom Leben zur Philosophin gemacht. Kurz nach ihrem Bachelor of Arts heiratete die 23jährige 1929 den «Flying Fool» Charles Lindbergh, dessen Kopilotin sie auf gefahrvollen Flügen in alle Welt wurde und mit dem sie 1932 im Mittelpunkt des ersten weltweiten Pressewirbels stand, als ihr Sohn  entführt und ermordet wurde. Fünf weitere Kinder brachte sie Lindbergh zur Welt, aber ihre  Passion wurde immer mehr das Schreiben, das 1932  mit « North to the Orient», dem Bericht über den Chinaflug des «Traumpaars» einen ersten Erfolg zeitigte und das sie in 12 weiteren Büchern immer deutlicher zur  Darstellung ihrer ganz persönlichen weiblichen Lebenssicht nutzte. Wobei ihre zunehmend schwierigere Ehe durchaus im Hintergrund der Erfahrungen stand. Sie selbst ging mit Antoine de Saint-Exupéry und ihrem Arzt Dana Atchley fremd, während Gatte Charles ab 1957 mit einer Münchner Hutmacherin, deren in Vevey lebender Schwester und und mit seiner Privatsekretärin heimlich insgesamt sieben weitere Kinder zeugte, für die er bei seinem Tod 1974 auf der Genfer Bank Pictet je ein Aktienpaket hinterliess.  Anne Morrow Lindbergh aber starb, mit unzähligen Preisen geehrt und Ehrendoktorin von fünf Universitäten, erst 27 Jahre später, am  7. Februar 2001,  im Schlaf in ihrem Haus in Vermont.