Ella Maillart

Winter im gutbürgerlichen städtischen Kauflmannshaus, Sommer in der Freiheit von Wind und Wasser am idyllischen Seeufer: Ella Maillarts Jugend erinnert unwillkürlich an Ida Bindschedlers Turnachkinder. Bloss dass die Fortsetzung im Falle der 1903 geborenen Genferin um einiges abenteuerlicher ausfiel als bei der Zürcherin des Jahrgangs 1854. Von Kind auf eine passionierte Seglerin, kreuzte Ella Maillart schon mit zwanzig viele Monate lang unentwegt im Mittelmeer und vertrat 1924 die Schweiz als einzige Frau der Kategorie Einmann-Jolle an der Pariser Olympiade. Jahre später, nachdem sie sich als Lehrerin in England genug gelangweilt hatte, liess sie sich auf ein richtiges Schiff anheuern und durchlief alle Chargen vom Kajütenjungen bis zum Steuermann. In Genf aber wirbelte sie als Coach des ersten Schweizer Damen-Hockey-Teams Staub auf und galt, besonders seit sie zur Nationalmannschaft gehörte, als beste Skiläuferin der Stadt.
Auf einmal entdeckte sie im Reisen eine besonders intensive Lebensform und wurde, während die Suche nach dem Sinn des Daseins sie in immer unbekanntere Gebiete hinauslockte, gleichsam so nebenbei eine der damals meistgelesenen Reiseschriftstellerinnen. Angefangen hatte es 1930, als sie das revolutionäre Russland mit eigenen Augen sehen wollte und bis in den Kaukasus verschlagen wurde. Dann reiste sie ganz allein durch Turkestan, gelangte auf verbotenen Wegen von Peking nach Kaschmir, ratterte als Autostopperin auf Lastwagen durch Afghanistan - Abenteuer, welche die sprachgewandte Bahnbrecherin in Büchern wie Parmi la jeunesse russe –De Moscou au Caucase (Paris 1932), Des Monts célestes aux Sables rouges (Paris 1934), Oasis interdites - De Pékin au Cachemire (Paris 1937) oder Gipsy Afloat (London 1942) protokollierte.
1938/39 lernte sie Annemarie Schwarzenbach kennen, die damals eben ihren Roman Das glückliche Tal beendete und es ihr ermöglichte, den holprigen Afghanistan-Trip zu zweit im bequemen Ford-Roadster zu wiederholen. Doch die vermeintliche Vergnügungsfahrt wurde zur grausamen Quälerei, denn die Freundin war hochgradig drogensüchtig, und die 8000 Kilometer lange Reise sollte zugleich dazu dienen, sie davon zu befreien. Obwohl Ella Maillart mit allen Mitteln um einen Erfolg kämpfte, scheiterte die Therapie, und die beiden Frauen trennten sich Ende 1939 in Kabul vorzeitig, ohne dass eine Heilung in Sicht war.
Da Annemarie Schwarzenbach 1942 starb und ihr Reisejournal vernichtet wurde, blieb es Ella Maillart überlassen, das Unternehmen literarisch festzuhalten. Sie tat dies in ihrem 1947 in London publizierten Reisebericht The cruel Way (deutsch 1948 in Zürich unter dem Titel Auf abenteuerlicher Fahrt erschienen), der dem Andenken der Freundin gewidmet ist und nebst einer klugen Bestandesaufnahme in Sachen Afghanistan ein eigenwillig-persönliches Seelengemälde der exzentrischen Gefährtin enthält. Auf Wunsch von Annemarie Schwarzenbachs Mutter wurde aber der wirkliche Name der Freundin hinter dem Pseudonym Christina versteckt, so dass 1947 nur wenige Eingeweihte wussten, wer die junge Frau überhaupt war, mit der zusammen Ella Maillart 1939 das Wagnis jener »grausamen Reise« auf sich genommen hatte.

The cruel Way ist französisch als La Voie cruelle bei 24 heures, Lausanne, und deutsch als Flüchtige Idylle beim eFeF-Verlag, Zürich, greifbar. (Literaturszene Schweiz)