««Man fragt sich, wie eine junge Person soviel über die einsamen Herzen von Männern, Frauen und auch von Kindern wissen kann», wundert sich die «New York Harald Tribune» 1940, als die 23jährige Carson McCullers mit «The Heart is a Lonely Hunter» Furore macht. Der Rezensent kann nicht wissen, dass die schlaksige 13jährige Mick, die von Musik besessen ist und aus der trostlosen Welt des Südstaatenstädtchens in ihre innere Welt flieht, ein Abbild der Autorin ist und dass sich auch hinter andern Figuren Menschen verstecken, denen sie in Columbus, wo die Eltern sie zum pianistischen Wunderkind machen wollten, oder in New York, wo sie unter deprimierenden Umständen jobbte, ehe sie mit Schreiben Erfolg hatte, irgendwo begegnet ist: Biff, der unglücklich verheiratete Wirt des Cafés New York, Blount, der alkoholkranke Rebell, der verkappte schwarze Aktivist Dr.Copeland, Singer, der taubstumme Jude, dem alle von ihrer Not erzählen, obwohl er sie nicht versteht...
Auch in Frankie aus «The member of the Wedding» (1947), die «aussieht wie ein Witz mit ihren schmalen Schultern und den viel zu langen Beinen», steckt wieder viel von der Autorin, die mit ihren Zipfelfransen und ihren grossen dunklen Augen bis zu ihrem Tod mit 50 Jahren am 29. September 1967 wie ein College-Girl aussieht. Dies, obwohl sie auch die Passionen und Abstürze der Liebe kennenlernt: mit Reeves McCullers, den sie 1937 zum Zweck einer Schriftstellerpartnerschaft heiratet, von dem sie sich 1941, als ihr Erfolg den Konsens zerstört, scheiden lässt, um ihn 1945 ein zweites Mal zu heiraten und unglücklich zu machen – oder mit Annemarie Schwarzenbach, die ihre Gefühle nicht erwidert. Mit «Das Herz ist ein einsamer Jäger» tritt sie jedenfalls nicht nur in die Weltliteratur ein, der Titel evoziert auch die traumatischen Erfahrungen der ewig Junggebliebenen, die bereits 1941, als der erste Schlaganfall sie trifft, sicher aber seit 1947, als ein zweiter sie an den Rollstuhl fesselt, dem Tode näher steht als dem Leben.