Als die am 17.April 1929 geborene Helen Meier 1984 mit der Erzählung «Lichtempfindlich» die Klagenfurter Bachmann-Jury irritierte und begeisterte, konnte man den Text über einem lern-behinderten Schüler noch als literarisches Nebenprodukt der pädagogischen Bemühungen einer appenzellischen Sonderschul-lehrerin verbuchen. Schon die weiteren Erzählungen des im gleichen Jahr erschienenen Bandes «Trockenwiese» aber liessen erkennen, dass die eigenwillige Sprachgewalt und die naiv anmutende Erzählhaltung nicht dem Thema geschuldet, sondern das Kennzeichen einer Bega-bung waren, die sich abseits des linearen Erzählens in kraftvollen Bildern und kühnen Assoziationen Ausdruck verschaffte, ohne je kalt oder artifiziell zu wirken. Dem späten Erstling folgten in steter Steigerung von Intensität und Sprachgewalt die Erzählbände «Das einzige Objekt in Farbe», «Das Haus am See», «Nachtbuch», «Letzte Warnung» und «Liebe Stimme» sowie die Romane «Leben-leben», «Die Novizin» und «Schlafwandel». Geschichten über Leid, Not, Angst, Verzweiflung zumeist,  exemplifiziert am Schicksal von Outsidern und Randständigen, «Figuren mit Ecken und Kanten», wie Helen Meier selbst einmal sagte. «An einer glatten Kugel kann ich mich nicht festhalten, da schlipfe ich ab.» 
Folklore aber hat sie, obwohl ihr Schreiben geographisch kaum je über Appenzell hinausreicht, keine geliefert. Auch wenn sie ungerührt Ausdrücke wie «Gestältli», «gehöfelt»  oder «nicht verputzen können»  benützt: mit dem halluzinierenden Parlando ihres Erzählens  gehört sie zu den grossen Stimmen der europäischen Literatur. Und wie sie Liebe und Tod miteinander verschwistert, kennt nirgendwo eine Parallele. «Liebe und du bist sofort unglücklich», heisst es in «Liebe Stimme», und vom lebenslangen Unglücklichsein befreit erst der Tod, «der einzige Trost in der Qual der Liebe.» Aber natürlich ist die Liebe nicht nur Qual, sondern auch Bezauberung. Und sie findet, wie in «Letzte Warnung» ein Vater zu seiner Tochter sagt, «im Kopf und im Herzen statt, und wenn sie das nicht ist, ist sie nicht; das, was unter dem Namen Sex läuft, kannst du glatt vergessen.»