«Geben Sie zu, Sie haben bei dieser Figur an mich gedacht», soll Robert Louis Stevenson ausgerufen haben, als George Meredith ihm 1879 aus dem Roman «The Egoist» vorlas. «Nein, lieber Freund, antwortete der, «ich habe uns alle vor Augen gehabt, aber in erster Linie mich selbst!» Sir Willoughby Patern, der Protagonist des Romans, der von zwei attraktiven Frauen zurückgewiesen wird und am Ende bei der unscheinbaren Laetitia Dale landet, die seinen Egoismus zu verkraften vermag, stellte in der Tat alles in Frage, was die viktorianische Zeit unter Männlichkeit und Ritterlichkeit verstand.
Am 28. Februar 1828 in Portsmouth geboren und am 18. Mai 1909 in Surrey gestorben, rüttelte Meredith nicht nur am Männer-, sondern auch am Frauenbild seiner Zeit. 1849 hatte er 21jährig Mary Nicolls, die 30jährige verwitwete Tochter des Dichters Thomas Love Peacock, geheiratet, und als sie 1858 mit seinem 5jährigen Sohn zum Maler Henry Wallis zog, bedeutete dies für Meredith ein Trauma, von dem er nie mehr loskam und das er immer wieder literarisch gestaltete. Am berührendsten im Sonettzyklus «Modern Love» von 1862, wo der Ehebruch enttabuisiert ist und das Scheitern der Ehe direkt mit der Emanzipation der Frau in Beziehung steht. Aber auch im Roman «Diana of the Crossways», den Meredith 1884 mitten im Erscheinen als Fortsetzungsroman stoppte, um aus der Herrin des fraglichen Landsitzes eine Schriftstellerin zu machen, die nicht nur ihren Mann betrügt, sondern auch ihren Liebhaber, einen Politiker, denunziert, um zu Geld zu kommen. In «The Amazing Marriage» dann, Merediths letztem Roman von 1895, demütigt der ebenso egoistische wie exzentrische Lord Fleetwood die in Kärnten geborene Carinthia, die er nur aus Verpflichtung heiratet, zutiefst. Er geht mit ihr zu einem brutalen Boxkampf, schwängert sie in der Hochzeitsnacht, weigert sich dann aber, sie und seinen Sohn wiederzusehen, bis es zu spät ist und er an selbstauferlegten Kasteiungen stirbt. «Es gibt kein Leiden des Körpers, von dem die Seele nicht profitiert», heisst es in «Diana of the Crossways» – eine Erkenntnis, mit der Meredith – andersherum – lange vor Freud und der Psychoanalyse blutigen Ernst machte.