Hans Morgenthaler

»Ihr Berge! Wisst ihr es, was ihr vielen Menschen von heute bedeutet? Dass allein euer Sein schon ihr Leben inhaltsreich macht! Dass Scharen der besten Männer nichts Höheres, Edleres kennen, als euch, äonenlang trotzende, starke Berge zu lieben. Euch zeit ihres Lebens zu dienen, bis zum letzten Atemstoss. Ihr seid ihnen Gott.«
Obwohl 1916, in der Hochblüte der Schweizer Bergliteratur erschienen, hatte das Buch, dem diese Zeilen entstammen, mit Heer und Zahn nichts gemeinsam. Für seinen Verfasser, Dr. Hans Morgenthaler, Geologe ETH, waren Berge nichts weniger als eine Art Droge, war Bergsteigen ein unaufhörlicher rauschhafter Trance-Zustand, der ihn sein übriges, unbefriedigendes Dasein vergessen liess. Häppchenweise, mehr verbergend als enthüllend, gibt er in seinem Buch Momentaufnahmen aus diesem alpinen Herumtaumeln preis. So beschreibt er beispielsweise eine Tödi-Besteigung vom 12./13 März 1911, deutet aber nur ansatzweise an, dass ihm dabei fast alle vorderen Fingerglieder abfroren - bis auf den für das Schreiben unerlässlichen Zeigefinger der rechten Hand. Bloss angedeutet ist auch jene qualvolle unerfüllte Sehnsucht nach einer Lebensgefährtin, wie sie später im Roman Woly, Sommer im Süden (1924) deutlich, aber poetisch gemildert zum Ausdruck kommen sollte. Ganz am Schluss von Ihr Berge berichtet Morgenthaler von einer Gipfelrast. Diesmal ist er nicht allein, sondern er teilt »die hohe Stunde« mit seinem besten Freund und dessen Braut. »Ich bin nicht wenig stolz«, heisst es dann, »Gritli zu dem hellen Sitz mitverholfen zu haben! Und was ich sonst noch denke? &Mac221;Wie mag das sein, mit seinem Mädel auf dem Weisshorn oben?&Mac220;«
Nein, mit den Frauen hatte er kein Glück, der ruhelose Sucher Hans Morgenthaler. 1920 krank aus jenen Tropen zurückgekehrt, denen er danach in Matahari (1921) und Gadscha puti (1929) genauso eigenwillige »Stimmungsbilder« wie 1916 den Schweizer Bergen widmete, trieb ihn die Sehnsucht an viele Ufer, lernte er die Verzweiflung bis an die Pforten des Wahnsinns kennen, um dann schlussendlich doch noch eine kurze Liebeserfüllung bei ebenjener Frau zu finden, die er auf den letzten Seiten seines Bergbuches liebevoll angesprochen hatte. Auf das Weisshorn führen konnte der unheilbar kranke Dichter seine mütterlich besorgte Vertraute Marguerite Schmid nun allerdings nicht mehr - ohnehin hatte er ja 1920 aus Wut über den Massentourismus seine Bergausrüstung in eine Gletscherspalte geworfen. Aber bei ihr fand er zu sich selbst, und in ihren Armen starb Hans Morgenthaler am 16. März 1928 mit 38 Jahren in Bern. Sein letztes Gedicht war ein Gebet und lautete:

»Lieber Gott,
schlag mich tot.
Nimm von mir dies wüste Leben.
Dann werd ich Dir ein Müntschi geben. «

Kommentiert von Kurt Marti, ist in der Ex Libris-Edition »Frühling der Gegenwart« der Roman Woly, Sommer im Süden greifbar. Roger Perret hat bei Lenos, Basel, ein Morgenthaler-Lesebuch sowie einen Briefband herausgebracht.
(Literaturszene Schweiz)

Morgenthaler, Hans

Auch Hamo gen., *Burgdorf (BE) 4.6.1890, †Bern 16.3.1928, Geologe und Schriftsteller. M. studierte zunächst Zoologie und Botanik an der ETHZ (Diss. 1914). 1916 begann er ein Zweitstudium als Geologe und arbeitete dann 1917-20 in dieser Funktion für eine Schweizer Firma in Siam (Thailand). Nach seiner Rückkehr in die Schweiz litt er zunächst an Malaria, später an Tuberkulose und befand sich auch seel. in einem Zustand, der mehrfach Aufenthalte in psychiatr. Kliniken notwendig machte. Hinzu kam, dass M., der von Vortragsreisen und als freier Schriftsteller lebte, sich bis zuletzt materiell in einer äusserst prekären Lage befand. Davon zeugt sein autobiograph. Fragment »In der Stadt. Die Berichte des Karl von Allmen« (1950 bzw. 1981 aus dem Nachlass in Bearbeitungen von O. Zinniker und R. Perret). Seine literar. Spezialität war die lose Folge kurzer Prosatexte, die er »Stimmungsbilder« nannte und die in sehr subjektiver Färbung von Landschaften, eigenen Erlebnissen und Begegnungen berichten. Der Band »Ihr Berge« (1916) zeugt von seiner Begeisterung für die Alpen, »Ich selbst. Gefühle« (1922) bietet eine pessimist. Selbstanalyse des Verfassers, während »Matahari« (1921, nhg. 1987) und »Gadscha Puti« (1926) seine Erfahrungen und Beobachtungen in den malaiisch-siames. Tropen widerspiegeln. Sein einziger Roman, »Woly, Sommer im Süden« (1924, Neuausgaben 1982 und 1990), ist eine in Ascona spielende, melanchol. endende Liebesgeschichte, die v.a. auch die Rolle der Frau auf eine sehr modern anmutende Weise zur Debatte stellt. M., der von H. Hesse sehr geschätzt wurde, war, wie »Das Ende vom Lied« (1930) und die von K. Marti hg. Slg. »Totenjodel« (1970) belegen, auch als Verfasser von zumeist kurzen, eindringl. Gedichten in Dialekt und Hochdeutsch bedeutend. … Lit.: Perret, R. (Hg.): Hamo, der letzte fromme Europäer (kommentierte Textanthologie), Basel 1982; ders.: Der kuriose Dichter H.M. (Briefwechsel mit H. Hesse und E. Morgenthaler), Basel 1983. (Schweizer Lexikon)



Morgenthaler, Hans

Auch: Hamo, * 4. 6. 1890 Burgdorf/Kt. Bern, † 16. 3. 1928 Bern. - Geologe; Erzähler, Lyriker.

Aus einer gutbürgerl. Familie stammend, früh mutterlos, wuchs M. in Burgdorf auf, studierte nach der Matura Zoologie u. Botanik an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich (1914 Promotion mit einer Diss. über die Birke), begann jedoch 1916 in Bern ein Zweitstudium als Geologe u. arbeitete 1917 bis 1920 als solcher für eine mit der Gewinnung von Gold u. Zinn befaßte Firma in Siam. Von diesem Aufenthalt, den er als die schönste Zeit seines Lebens empfand, kam er körperlich krank - eine schwere Malaria, die bald von unheilbarer Tuberkulose abgelöst wurde - u. seelisch zutiefst verunsichert bzw. der europ. Zivilisation entfremdet zurück. Da sich Pläne für erneute Expeditionsreisen nicht realisieren ließen, lebte M., wenn er sich nicht in einem Tuberkulosesanatorium oder in einer Nervenklinik aufhielt, ab 1921 als freier Schriftsteller u. Ostasien-Vortragsreisender in Zürich, Ascona u. Bern. Zu seinen Freunden gehörten u. a. Hermann Hesse, Jakob Bührer, die Künstler Fritz Pauli, Mischa u. Ignaz Epper; kürzere Begegnungen hatte er auch mit Robert Walser u. - während eines Aufenthalts in der Irrenanstalt Waldau - mit Adolf Wölfli.
Bereits für seinen Erstling Ihr Berge (Zürich 1916), die euphor. Liebeserklärung des passionierten Bergsteigers an die alpine Erlebniswelt, hatte M. die literar. Form der »Stimmungsbilder« entwickelt, die es ihm erlaubte, Naturbeobachtungen, geolog. Exkurse, persönl. Erfahrungen u. Erlebnisse ohne formalen Zwang aneinanderzureihen. Die erste unmittelbare Frucht des Asienaufenthalts war Matahari. Stimmungsbilder aus dem malayisch-siamesischen Dschungel (Zürich 1921. Neudr. 1987), ein Buch, das Hesse sehr schätzte u. das nicht nur die Tropenerfahrungen eines zivilisationsmüden Europäers spiegelt, sondern durch die kolonialen Vorurteile hindurch auch zur spezif. Identität u. Mentalität der eingeborenen Bevölkerung vorzustoßen sucht. Der zweite Band der Siam-Erinnerungen, Gadscha puti. Ein Minenabenteuer, wurde 1926 vom Verlag Orell Füssli abgelehnt u. erschien postum 1929 bei Francke in Bern mit einem Nachwort von Fritz Hegg. Das gleiche Schicksal erlitt auch der autobiograph. Roman In der Stadt. Die Beichte des Karl von Allmen, der 1921 bis 1926 entstand, in die tiefsten Abgründe von M.s »Dichtermisere« hineinleuchtete u. erst lange nach seinem Tod in philologisch allerdings nicht unproblemat. Bearbeitungen durch Otto Zinniker (Grenchen 1950) bzw. Roger Perret (Biel 1981) zugänglich wurde. Zu M.s Lebzeiten erschienen einzig noch Ich selbst. Gefühle (Zürich 1922), eine weitere Folge sehr persönl. »Stimmungsbilder«, die als pessimistisches Gegenstück zum gleichzeitig entstandenen, eher optimistisch gestimmten Band Matahari verstanden werden können, sowie der Liebesroman Woly. Sommer im Süden (Zürich 1924. 1931. Überarb. Neuausg. 1982. Ffm. 1990), M.s literarisch gelungenstes, abgerundetstes Prosawerk. Der Roman spielt in Ascona, basiert auf einer wahren Begebenheit u. handelt von der unmöglichen Liebe des grüblerischen, sensiblen Dichters Hamo zur selbstbewußt emanzipierten jungen Dänin Woly. »Noch nie las ich die Liebesgeschichte eines Mannes, so keusch, so glühend«, schrieb Emmy Ball-Hennings an M. nach der Lektüre des Buchs. »Verzeihen Sie mir, daß ich das sage. Ich denke hier an die Gestaltung, wie ein Erlebnis, das irgendwie so unsäglich einsam ist, Form gewonnen hat. Im Grunde sinkt die Frau, und nur der Mann bleibt in diesem Buch.« Obwohl Marguerite Schmid schon 1930 in Bern das »Lyrische Testament eines Schwindsüchtigen«, Das Ende vom Lied, veröffentlicht hatte, wurde erst 1970, als Kurt Marti im Berner Kandelaber Verlag die Gedichtauswahl Totenjodel herausgab, einem größeren Kreis bekannt, wie ungewöhnlich M. auch als eigenwilliger, sich selbst restlos bloßstellender Lyriker begabt war.

WEITERE WERKE: Dichtermisere. Ein H.- M.-Brevier. Hg. Georges Ammann. Zürich 1977. - Hamo, der letzte fromme Europäer. Ein H.-M.-Lesebuch. Hg. Roger Perret. Basel 1982. - Der kuriose Dichter H. M. Briefw. mit Ernst Morgenthaler u. Hermann Hesse. Hg. ders. Basel 1983.

LITERATUR: Dieter Fringeli: H. M. In: Ders.: Dichter im Abseits. Zürich 1974, S. 79-88. - Roger Perret: H. M. In; Werner Weber (Hg.): Helvet. Steckbriefe. Zürich 1981, S. 138-143 (Biobibliogr.). - Kurt Marti: H. M. In: H. M. «Woly. Sommer im Süden». Hg. Charles Linsmayer (= Frühling der Gegenwart. Der Schweizer Roman 1890-1950. Bd. 19). Zürich 1982. Ffm. 1990, S. 198-220.
(Bertelsmann Literaturlexikon)