Als Kind wollte sie Lokomotivführerin wie ihr Vater werden, die am 22.August 1933 in Chemnitz geborene Irmtraud Morgner. Doch dann verwendete sie ihren Mädchentraum für ihre erste, 1956 in Ostberlin publizierte Erzählung «Das Signal steht auf Fahrt». Und sie hätte wohl bis zuletzt DDR-konforme realistische Bücher wie «Ein Haus am Rand der Stadt» (1962) oder «Notturno» (1964) produziert, wäre 1965 nicht «Rumba auf einen Herbst» verboten worden, der Roman, in dem sie die Zerstörung ihres kommunisti-schen Jugendglaubens nach der Entlarvung Stalins als Massen-mörder thematisiert hatte. Da ging sie, erstmals 1968, mit «Hochzeit in Konstantinopel», zu einer neuen, den Realismus überwindenden Schreibweise über, die die lineare Linienführung verliess und von literarischen Funden jeder Art bis zu Liedern, Zeitungsartikeln und Interviews alle denkbaren Elemente zu etwas Neuem montierte. Getragen von einem unbeugsamen feministischen Ehrgeiz, entstanden so Werke wie der eine Gestalt des 12.Jahrhunderts in den Mai 1968 und in die DDR verpflanzende Roman «Leben und Abenteuer der Trobadora Beatriz nach Zeugnissen ihrer Spielfrau Laura» (1974) und dessen Fortsetzung «Amanda. Ein Hexenroman» von 1983, wo Beatrix und Laura auferstehen und mittels Hexen, Teufel und Engel umsetzen, was Irmtraud Morgners Credo war: «Die Philosophen haben die Welt bisher nur männlich interpretiert. Es kommt aber darauf an, sie auch weiblich zu interpretieren, um sie menschlich verändern zu können.»
Im Winter 1987/88, als sie Gastdozentin in Zürich war, stellte man ihr die Diagnose Krebs. Sie wurde immer wieder operiert und war untröstlich, nicht dabei zu sein, als 1989 die Mauer fiel. «Die Freude über den Aufbruch in meinem Land überwältigte mich fast», schrieb sie einer Freundin, bevor sie am 6.Mai 1990 57jährig in Berlin starb. Verschlüsselt und diskret, aber unmittelbar berührend hat ihr letzter Freund, der Schweizer Autor Rudolf Bussmann, 2006 im Roman «Das Duell» von ihren letzten Monaten und von ihrem allzu frühen Sterben erzählt.