Als die 16jährige Lucila Godoy Alcayga, Hilfslehrerin in den Anden, 1905 im Diario Radical de Coquimbo ihre ersten Gedichte publizierte, nahm sie je die Hälfte ihres Pseudonyms vom Nobelpreisträger des Jahres 1904, Frédéric Mistral, und vom Autor des «Trionfo della Morte», Gabriele d’ Annunzio. Obwohl stets in seriösen bzw. der Ausbildung junger Menschen dienenden Berufen tätig – Rektorin der Mädchenschule von Santiago de Chile, Projektleiterin für die Erneuerung des mexikanischen Erziehungswesens, chilenische Konsulin in Madrid –, ist, was sie schrieb, auf erschütternde Weise von Verzweiflung und Traurigkeit bestimmt und beschwor sie immer wieder neu die unerfüllte Liebe, den Tod und das Sterben.
So sind die «Sonetos de la muerte», mit denen Gabriela Mistrals Stern 1914 am chilenischen Himmel aufging, ihrem Geliebten Romelio Ureta gewidmet, der sich 1909 umgebracht hatte, während die Gesänge des Bandes «Desolación»/«Trostlosigkeit von 1922 u.a. der unmöglichen Liebe galten, die sie heimlich mit dem Dichterkollegen Manuel Magallanes Moure verband. «Tala»/«Holzschlag» von 1938 steht im Zeichen der Trauer um die 1929 verstorbene Mutter, während im letzten, 1954 publizierten Band, «Lagar»/«Kelter», die Suizide des Adoptivsohns Juan Miguel Godoy und des Ehepaars Lotte und Stefan Zweig verarbeitet sind, mit denen sie 1942/43 in Brasilien gelebt hat.
Obwohl die Dichterin die letzten Jahre vor ihrem Tod am 10.Januar 1957 als unheilbar Kranke in ihrem Haus in Hempstead/NY zubrachte – « Ich fühle, dass mein Leben entflieht /lautlos und sanft wie die Gazelle» –, sind da doch auch Gedichte zu finden, die vom eigenen Leid absehen und für Opfer in aller Welt berührende Worte finden. 1945 war Gabriela Mistral nämlich mit dem Nobelpreis geehrt worden und hatte anschliessend bei Goodwill-Reisen in alle Welt erfahren können, wie verpflichtend es war, Lateinamerikas berühmteste Dichterin zu sein.