Nein, die «irrsinnig gute Mischung aus Bern und Russland», die Frisch gern
sähe, will er nicht sein, der Berner Kunsthistoriker Dr. Paul Nizon, 32, der
1961 NZZ-Kunstkritiker wird und im Gefolge von Frisch und Dürrenmatt zu
schreiben beginnt. Die schillernd poetischen «Gleitende Plätze» von 1959 jedenfalls
haben mit dem im Trend liegenden politischen Engagement nichts
am Hut. Und 1963 ist er sich völlig sicher: «Ich möchte keinerlei Einfluss nehmen
mit Geschriebenem, nicht belehren, nicht bekehren, nicht moralisieren,
nicht aufrichten …» Sein persönliches Leben sei der einzige Komplex, «an
den heranzukommen» er sich zutraue, und dabei ist es bis heute geblieben.
Nicht eins zu eins wie Memoiren, sondern so, wie er es beim Tachismus (der
Auflösung des Kontinuums in Fragmente) und bei van Gogh gesehen hat, für
den das Künstlerische ebenfalls «einzig möglicher Lebenszugang» war.
Literarisch umgesetzt ist das in «Canto», diesem rauschhaften
römischen Lebensgesang, in «Im Hause enden die Geschichten», wo das
(Berner) Kindheitshaus zur Metapher für Lebensbetrug wird, in «Stolz», dieser
Text gewordenen Künstlerkrise, im «Jahr der Liebe», wo Nizon 1981 Ja
gesagt hat zu sich selbst, zu Paris und zur Liebe – und in Werken wie «Im
Bauch des Wals» oder «Hund», wo er die ureigene, smart-lockere Schreibweise
endlich voll beherrscht: «Ich nehme mir mein Klümpchen Begebenheit
oder Erlebnis oder auch nur Einbildung vor und rattere es hin. Ich werfe es
aus, es erstarrt zischend in der Lauge der Sprache.»
Das Ich, Paris, die Sprache heissen die Materialien des «Autobiographie-
Fiktionärs». Und die Frau, die Thema, Elixier und Tragik in einem
ist. 2004 hat Nizon sich nach 23 Jahren von der 26 Jahre jüngeren Odile getrennt,
was, Zeichen von Abgeklärtheit, sich bloss im Abbruch der Treppe zwischen
den Wohnungen verriet. Kurz darauf erschien sein erstes französisches
Buch: «Maria Maria», das literarische Protokoll einer Liebesgeschichte, die
er zu Zeiten von «Canto» in Rom erlebt hatte, gemeinsam recherchiert und
imaginiert von ihm selbst und der Koautorin Collette Fellous.

