Cilette Ofaire

Ihr Name findet sich in keinem Lexikon, und noch vor kurzem, bis zum Erscheinen der deutschsprachigen Ismé-Neuausgabe (1988), rief die Frage nach Büchern von ihr in den Buchhandlungen bloss ein bedauerndes Kopfschütteln hervor. Und doch gehört sie mit ihrem Werk, das in seiner Weite und Abenteuerlichkeit eine einzige Auflehnung gegen die helvetische Enge und Spiessbürgerlichkeit bedeutet, ohne Zweifel zu den bemerkenswertesten Schriftstellerinnen der modernen Schweiz: Cécile Hofer-Houriet, geboren 1891 in Couvet (NE), gestorben 1964 im französischen Sanary-sur-mer, Verfasserin von sieben Romanen, die sie unter dem französisierten Autorennamen Cilette Ofaire publiziert hat.
Malerin und Zeichnerin von originaler Kraft, lebte sie seit 1912 mit ihrem Ehemann Charles Hofer unentwegt ihrer Kunst, war aber, wenn es am Nötigsten fehlte, auch bereit, als Sekretärin und bisweilen gar als Aktmodell zu arbeiten. Ab 1923 befuhren die zwei Künstler in ihrem Hausboot San Luca die Kanäle und Flüsse ganz Europas, malten, zeichneten und stellten das Geschaffene an Bord aus. 1934, in ihrem Erstling Le San Luca, hat Cilette Ofaire die Maler-Odyssee auf lebendige Weise literarisch dargestellt. Zu schreiben begonnen hatte sie, als ein Augenleiden ihr das Malen verbot. Das war 1933, und sie stand damals eben im Begriff, die San Luca gegen ein seetüchtiges Schiff, die Ismé, einzutauschen und als ihr eigener Kapitän - die Ehe war inzwischen in Brüche gegangen - in See zu stechen. Die Fahrt endete 1936 in den Wirren des Spanischen Bürgerkriegs mit dem Verlust des Schiffes. Im Roman Ismé jedoch, der 1940 erschien, ist es wieder flottgekommen: als seltsam verwunderliches Bild und Symbol für die unstillbare Sehnsucht einer Frau nach grenzenloser, unbürgerlicher Freiheit.
Über dem Heck der Ismé wehte die Schweizer Flagge, und auch als Autorin verlor Cilette Ofaire ihre Heimat trotz aller Vorbehalte nie ganz aus den Augen. Schon im Erzähl-Zyklus Sylvie Velsey von 1938 finden sich wehmütige Erinnerungen an die jurassische Kindheit, und ihr wohl dichtestes Buch, der Roman Chemins von 1945, gestaltet die Rückkehr der vierundvierzigjährigen Sylvie ins Land ihrer Herkunft. Doch die literarische Flaschenpost kam nie ans Ziel. Ein reicher Verwandter aus Couvet sah in dem Buch nämlich eine
Nestbeschmutzung, kaufte die für die Schweiz bestimmten Exemplare auf und vernichtete sie ...
In den fünfziger Jahren, als ihre Kräfte nachliessen und sie durch private Konflikte zermürbt war, traf auch aus der Schweiz mehrfach Hilfe bei Cilette Ofaire in Sanary ein, ja die Guilde du Livre, die zwei Titel von ihr im Programm hatte, führte sogar eine Kollekte für sie durch. Schon für ihr letztes Buch, La Place, aber fand sie 1961 nur noch mit Mühe einen Verlag, und nach ihrem Tod am 11. Dezember 1964 geriet Cilette Ofaire rasch gänzlich in Vergessenheit. Bis 1987, als die Neuenburger Kantons- und Universitätsbibliothek sich ihrer mit einer umfassenden Werkausstellung erinnerte und im Katalog ankündigen konnte, dass zwar nicht die Romandie, aber immerhin wenigstens die deutsche Schweiz das Werk der Neuenburgerin für lebensfähig halte und eine Neuausgabe von Cilette Ofaires bemerkenswertem Hauptwerk Ismé vorbereite ...

Ismé ist, kommentiert von Charles Linsmayer, zur Zeit deutsch als Band 3 der Edition »Reprinted by Huber«, Frauenfeld, wieder greifbar.
(Literaturszene Schweiz)

Ofaire, Cilette

Eigtl. Cécile Hofer-Houriet, *Couvet (NE) 13.1.1891, †Sanary-sur-Mer (Var) 11.12.1964, Schriftstellerin. Nach dem Erwerb des Handelsdiploms in Neuenburg bildete sich O. zur Malerin und Glaskünstlerin aus. 1914 heiratete sie den Malerkollegen Charles Hofer, mit dem sie nach Paris übersiedelte. Als dieser 1916 aus der frz. Armee nach Genf desertierte, übernahm O. eine Stelle als Sekretärin beim Schriftsteller und Publizisten Cuno Hofer. Ab 1923 bereiste das Ehepaar auf dem Hausboot »San Luca« von Hamburg aus die Flüsse und Kanäle Europas, was in O. literar. Erstling »Le San Luca« (1934) seinen Niederschlag fand. 1932 erwarb das Künstlerehepaar in England das seetüchtige Schiff »Ismé«, mit dem O. nach gescheiterter Ehe 1933-37 unter abenteuerl. Bedingungen im Atlantik und im Mittelmeer kreuzte. Diese Fahrt und die dabei erlebte Selbstfindung beschrieb O. im 1940 von der Lausanner »Guilde du livre« publizierten Roman »Ismé« (1942, dt. zuletzt als »Ismé, Sehnsucht nach Freiheit«, 1988). Der im Jura spielende Heimkehrerroman »Chemins« (1945) spiegelt ihr durch Ablehnung geprägtes Verhältnis zur ehem. schweiz. Heimat. Die in »L'Etoile et le poisson« veröffentlichten Novellen sind den Themen von Liebe und Fernweh gewidmet, während »Un jour quelconque« Alltagsleben in Sanary vergegenwärtigt. Ihr letzter Roman, »La Place« (1961), ist ein grossangelegter Schicksals- und Generationenroman. Der Nachlass von O. liegt grösstenteils in der Univ.bibliothek Neuenburg. … Lit.: Berthoud, Dorette: C.O., Neuenburg 1969; Linsmayer, C.: Das Wagnis, aus dem Schreckenloch herauszukriechen, in: C.O.: Ismé, Sehnsucht nach Freiheit, Frauenfeld 1988, Zürich 1999.
(Schweizer Lexikon)