Gertrud Pfander

»Auch warte ich noch auf ein grosses Glück«, schrieb Gertrud Pfander 1896 in einem Lebenslauf, »denn der Durst ist noch nicht gelöscht.« Uneheliches Kind einer früh verstorbenen Bernerin, hatte sie in ihrer Jugend in Basel und Bern die Not des Verschupft- und Verlorenseins bis zur äussersten Grenze des Erträglichen durchlitten, war während kurzer Auslandsaufenthalte von der gröbsten Misere innerlich freigekommen und hatte eben zu sich selbst und ihrer eigenen Persönlichkeit gefunden, als die Tuberkulose sie eingeholt und alle ihre Pläne vereitelt hatte. Nun war sie zwanzig, hatte kein Leben hinter sich und keines mehr vor sich, zog als Erbin eines kleinen Vermögens wie eine Ausgestossene von Sanatorium zu Sanatorium und litt, mehr noch als unter der Krankheit, an einer unstillbar grossen Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit.
Es ist gewiss kein Wunder, dass sie ihre Not, wie schon als Kind, dem Papier anzuvertrauen begann, aber es mutet wie eine wunderbare Fügtiiig an, dass Gertrud Pfander die existentielle Bedrohung ebenso wie das bisschen Glück, das ihr noch beschieden war, mit den amateurhaften Mitteln einer an Heinrich Heine und Annette von Droste-Hülshoff orietnierten konventionell-schematischen Reimpoesie derart gültig und eindrücklich zu gestalten vermochte. Was in ihrer Lyrik zum Ereignis wird, ist ja nicht die formale Vollendung, sondern die Radikalität, mit der sie sich auf ihr eigenes intimes Erleben beschränkt, ist die Offenheit, mit der sie Gefühle zum Ausdruck bringt, ist die Selbstverständlichkeit, mit der sie das Liebeserlebnis der Frau als Subjekt und dem Manne als Objekt zuordnet.
Obwohl ihre Muse ein »schwarzes Schleppkleid« trug, war es denn auch bis zuletzt die Liebe, die ihrer Dichtung Auftrieb gab. Die nie eingestandene Liebe zum Primgeiger des Kursaalorchesters von Montreux zum Beispiel, die 1894 das konstituierende Element der Musik in ihre Gedichte hineintrug. Oder die Liebe zu jenem Pächtersohn aus Thüringen, der 1896 vom Genfersee nach Kairo weiterzog und das Fernweh nach exotischen Ländern in ihrem Herzen und ihrer Dichtung zurückliess. Die ergreifendste Beziehung aber war diejenige zum neunzehnjährigen Bildhauer Abraham Graf, der gleichfalls lungenkrank war und der Dichterin um einen Monat im Tode voranging. Ihm hat sie 1897 - noch zu Lebzeiten! – die vier erschütternden Totengedichte des Zyklus Heimgang zugeeignet.
Als Gertrud Pfander am 9. November 1898 mit vierundzwanzig Jahren in Davos starb, hinterliess sie insgesamt achtzig Gedichte, die zum Teil schon 1896 in der Sammlung Passifloren herausgekommen waren bzw. 1908 von Karl Henckell unter dem Titel Helldunkel noch veröffentlicht werden sollten. Wie viele von den anmutigen Gebilden für die literarische Ewigkeit bestimmt sind, ist auch nach bald hundert Jahren nicht leicht zu sagen. Gertrud Pfander selbst jedenfalls hat das Dichten auf wunderliche Weise Trost und Erfüllung gebracht. »Wir sind Poetenvolk!« triumphiert sie in einem Brief vom Todesjahr 1898. »Wir sind Zauberer! Wir haben den sechsten Sinn! Wir siegen doch! Te deum laudamus!«

Albert Gessler veröffentlichte 1912 bei Schwabe, Basel, die Biographie Gertrud Pfander. Eine Schweizer Dichterin. (Literaturszene Schweiz)