«Wenn nichts als dies vom Genf des 19.Jahrhunderts übrigbliebe – die Erinnerung daran würde weiterleben.» Wer das Buch, von dem hier die Rede ist, «La Pêche miraculeuse» (1937) von Guy de Pourtalès, mit von Seite zu Seite wachsender Bewunderung gelesen hat, wird es Graf Keyserling geradezu übelnehmen, dass er I938 in seinem Brief an den Autor bloss von Genf und nicht gleich von ganz Europa gesprochen hat.  Natürlich steht Genf im Zentrum des Buches: hier leben die Nadals, die Gallands und die Villars, deren Familienchronik der Roman nach Art der «Forsyte Saga»oder der «Buddenbrooks»aufrolltAber durch die Hauptfigur, den Musiker Paul de Villars, tritt das Erzählte nicht nur geographisch und historisch, sondern vor allem auch geistig und kulturell zu ganz Europa in lebendige Beziehung.  Wie sein Verfasser studiert Paul in Deutschland und begeistert sich für deutsche Literatur und Musik.  Anschliessend jedoch macht er in Paris mit der französischen Kultur eine ähnliche, aber ungleich stärkere Erfahrung, ja er stellt sich, weil Neutralität ihm nicht genügt und das bedrohte Frankreich ihm als eigentliche geistige Heimat erscheint, I9I4 in den Dienst der französischen Waffen.  Die Beschreibung des Krieges, den Pourtalès wie sein Protagonist als Freiwilliger miterlebte, gehört mit zu den eindrücklichsten Passagen des Buches und bildet eine wohltuende humane Gegenposition zu Macho-«Stahlgewittern» à la Ernst jünger und Sensationshascherei im Stile Erich Maria Remarques.
De Pourtalès, der Berlioz, Liszt, Chopin, Wagner, Nietzsche und Ludwig II. von Bayern vielbeachtete Bücher widmete, hat dem Komponisten Paul de Villars auch tiefschürfende Einsichten über das «Romantische Europa» mitgegeben, so dass sich der Roman streckenweise wie ein verdichtetes Kernstück seiner grossen biographischen Serie dieses Titels ausnimmt.  Das Buch beschreibt und kommentiert die Musik aber nicht bloss, es ist auch selbst nach musikalischen Gesetzen aufgebaut.  Am schönsten zeigt sich dies an jenem «Du sollst Menschenfischer sein», das bereits im Titel anklingt, den ganzen Roman hindurch als Leitmotiv präsent bleibt und den genferischen wie den religiösen Gehalt des Ganzen anzeigt.  Konkret bezieht sich das Motiv auf ein Gemälde des Schwaben Konrad Witz, das seit 1444 in der Genfer Kathedrale hängt und das biblische Gleichnis vom wunderbaren Fischzug in die Seebucht vor die Stadt Genf verlegt.
Von diesem See nimmt der Roman seinen Ausgang, an diesen See kehrt Paul de Villars am Ende zurück, nachdem er ihn in seiner ‹Symphonie lacustre›musikalisch dargestellt hat.  Und an den Ufern dieses Sees findet nicht zuletzt auch jene Liebesgeschichte ihr vorläufiges Happy End, die dem Romanfresko bei all seiner intellektuellen Brillanz stets auch einen persönlich-intimen Charakter und das Mitgefühl des Lesers sichert: die Liebe zwischen Paul und seiner Cousine Antoinette, die sich nach vielen Irrwegen finden, obwohl die Verwandtschaft sie von Anfang an füreinander bestimmt hatte.

«La pêche miraculeuse» ist bei Gallimard greifbar, deutsch als Band 9 von «Reprinted by Huber», mit einem biographischen Nachwort des Herausgebers Charles Linsmayer.