Leonhard Ragaz

»Die Schweiz ist in Gefahr. Es ist eine tödliche Gefahr.« So beginnt ein Buch, das im März 1918 bei Trösch in Olten erschien und den Titel trug: Die neue Schweiz. Ein Programm für Schweizer und solche, die es werden wollen. Mit expressionistischer Sprachkraft wandte sich da jemand an seine Landsleute, zeichnete das Bild der Schweiz im Krieg und am Vorabend des Generalstreiks in düsteren Tönen, um dann das Programm einer nationalen Selbstbesinnung zu entwerfen. Der politischen müsse endlich die soziale Demokratie hinzugefügt werden, war das Hauptpostulat. Dazu forderte das Buch Vaterlandsliebe statt Nationalismus, lebendigen Föderalismus statt Parteiherrschaft, grossmütige Asylpolitik statt Nobeltourismus. Es kämpfte für das Verständnis zwischen Deutsch und Welsch, für die Gleichberechtigung von Mann und Frau, für eine Schule, die zur Freiheit erzieht. Und es gipfelte in einer Vision der Schweiz als ein »Hochland«, dessen Auftrag es sei, »die Quellen des Geistes zu hüten, von denen die Völker leben«. An einem Tiefpunkt ihrer Geschichte wies dieses Buch, das zu den erregendsten literarischen Zeugnissen jener Jahre zählt, der Schweiz den Weg eines christlichen Sozialstaats weltoffener und doch spezifisch helvetischer Prägung. Und es fand zunächst ein sehr positives Echo! Carl Seelig sprach von einem »stark dichterischen Buch«, Paul Seippel und Ernest Bovet begrüssten es begeistert im Namen der Welschen, Konrad Falke setzte sich in der NZZ warm dafür ein. Doch dann fiel im gleichen Blatt ein Historiker wochenlang gehässig darüber her. Und kurz darauf zeigte die Erledigung der Generalstreik-Postulate, dass Die neue Schweiz trotz eines grossen Verkaufserfolgs letztlich ohne Wirkung geblieben war. Von einem Manne, der vielen als Vaterlandsverräter galt, wollte man sich eben keine Rezepte geben lassen. Verfasser unseres Buches war nämlich kein anderer als Leonhard Ragaz, Theologleprofessor in Zürich, Gründer und Mentor der religiös-sozialen Bewegung, Redaktor von deren Zeitschrift Neue Wege, unermüdlicher Kämpfer f'ür sozial Zukurzgekommene, für streikende Arbeiter und Dienstverweigerer. Der Bündner Bergbauernsohn und ehemalige Basler Münsterpfarrer hielt eisern daran fest, das Evangelium nicht bloss zu predigen, sondern es da zu verwirklichen, wo es am nötigsten war. 1921 gab er Lehrstuhl und Pensionsanspruch auf und zog vom Zürichberg nach Aussersihl, wo er mit seiner Frau Clara zusammen ein Arbeiterhilfs- und -bildungswerk aufbaute. Die grossen Perspektiven behielt er aber bei. So kämpfte er z. B. für den Eintritt der Schweiz in den Völkerbund, aber auch in die UNO. »Das Fernbleiben von dem neuen Völkerbund ... bedeutet für mich vollends den Tod der Schweiz«, schrieb er 1945 resigniert auf die letzten Seiten seiner posthum erschienenen grossartigen Autobiographie Mein Weg. Leonhard Ragaz: ein Name, der um der Schweiz willen nicht in Vergessenheit geraten darf! (Literaturszene Schweiz)