Zwei Söhne hat der gottesfürchtige Jude im Krieg verloren, den jüngsten, epileptischen, liess er bei der Flucht nach Amerika in Polen zurück, Deborah, seine Frau, ist vor Gram gestorben. Alles hat er demütig hingenommen, aber als er die Tochter Mirjam in die Irrenanstalt bringen muss, verbrennt Mendel Singer in ohnmächtigem Zorn die heiligen Bücher. «Mendel hat den Tod, Mendel hat den Wahnsinn, Mendel hat den Hunger, alle Gaben Gottes hat Mendel. Aus, aus ist es mit Mendel Singer.»
Als er, 36jährig, 1930 den Roman «Hiob» publizierte, imponierte das Buch Stefan Zweig so sehr, dass er Joseph Roths bis dahin entstandene Werke – zu denen mit «Hotel Savoy» (1924), «Flucht ohne Ende» (1927), «Rechts und Links» (1929) Schlüsselwerke des Romans der Neuen Sachlichkeit gehörten – pauschal mit «sie reizten ohne zu befriedigen» abqualifizierte. Wie erst wieder «Die Legende vom heiligen Trinker» – in der Roth, ehe er am 27.Mai 1939 im Pariser Exil aus Erschütterung über den Selbstmord Ernst Tollers starb, die Apotheose des tröstlich-mörderischen Alkoholrausches schreiben sollte – war «Hiob» ganz aus persönlicher Betroffenheit heraus entstanden. Friedl Reichler, die Wienerin, die er 1922 als 19jährige geheiratet hatte, war 1928 unheilbar geisteskrank geworden, und Roth, der ihrer Mutter Sätze wie «Gott hat mich geschlagen. Es ist ein Fluch, der mich getroffen hat» schrieb, war im Grunde selbst jener Mendel, der wie Hiob an Gott verzweifelt. Aber er war auch der Autor, der sich wie im Roman, wo er Mendels jüngsten Sohn als berühmten Musiker geheilt wieder auftauchen lässt, ein Wunder erhoffte. Vergeblich, wie sich zeigte. Friedl wurde nie mehr gesund und starb 1940 als Opfer der NS-Euthanasie.
Eine Zeitlang hatte Roth, der mit «Radetzkymarsch» (1932) und «Die Kapuzinergruft» (1938) einer der Mitbegründer des «Mythos Österreich» war, behauptet, Friedl sei gestorben, bis er kurz vor seinem Tod im Mai 1939 in Paris einem Freund verriet: «Du weißt doch, dass Friedl herkommt, und ich kann sie nicht ernähren. Was soll ich denn machen?»