«Ich weiss nicht, warum alle Welt glaubt, dass ich gestorben sei, ich hatte nie die Absicht zu verschwinden», mokierte sich Jean Rhys 1956 in einem Brief. 17 Jahre war es damals her, seit mit «Good morning, Midnight» 1939 ihr letztes Buch erschienen war. 1927, mit den Erzählungen «The left Bank», war die am 24.August 1890 als Arzttochter auf der Karibik-Insel Dominica geborene Ella Gwendoline Rees Williams unter dem von Ford Madox Ford erfundenen Pseudonym Jean Rhys auf einmal da gewesen. Mit einer unverwechselbaren Art, Aussen-seiter, Schiffbrüchige, Andersfarbige, Vereinsamte darzustellen. In Büchern wie «Quartet»(1928), «After Leaving Mr.Mackenzie» (1930), «Voyage in the Dark»(1934). Und als Spiegelung eines Lebens, das in Not, Armut, Einsamkeit und Depression wie eine einzige nicht endende Pechsträne anmutet.
Aber sie hatte nicht die Absicht zu verschwinden, bevor ihr Opus magnum publiziert war. Und tatsächlich schaffte sie es unter desolatesten Umständen, während sie mit ihrem kranken Mann in London und zuletzt in einem abgelegenen Dorf ein ein-ziges Zimmer bewohnte, in 8jähriger Arbeit den Roman «Wide Saragossa See» zu vollenden, der 1966 erschien und ihr Anse-hen so nachhaltig wiederherstellte, dass sie Commander of the Order of the British Empire war, als sie 1979 89jährig starb.
«Saragossameer» weckt unter dem Namen Antoinette Cosway Bertha Mason aus Charlotte Brontës Roman «Jane Eyre» (1847) wieder auf. Wie dort wird die Tochter eines reichen Westinders mit dem Engländer Rochester verheiratet, der sie, als sie den Verstand verliert, auf Thornfield Hall einsperrt. Anders als in «Jane Eyre» ist der Wahnsinn aber nicht Strafe für ein sündiges Leben, sondern Ausdruck der Zerstörung, in die sich Antoinette und Rochester treiben, weil Kolonialismus und Freiheit sich nicht vertragen. «Für die Wahrheit ist es immer zu spät», sagt Antoinette am Ende dieses Romans, der sich wie ein Abgesang auf die hehre britische Vielvölkerutopie liest.