Am Anfang war Ramuz ihr Idol. Sein Bild hing über ihrem Schreibtisch, und nachts träumte ihr, der Dichter gehe in weiter Lodenpelerine mit ihr durch den Wald und küsse sie. Dass er der erste war, dem sie ihr Manuskript Nuages dans la main zum Lesen schickte, verstand sich von selbst. Überraschend war dann nur, dass Ramuz die »Guilde du livre« zur Herausgabe des Roman-Erstlings überredete. Dann, im Sommer 1940, sass sie ihm erstmals leibhaftig gegenüber. »Aber der wirkliche Ramuz«, vertraute sie ihrem Tagebuch später an, »hat mich nicht geküsst. Er machte sich ein wenig lustig über mich, wurde dann nach und nach ernst, kam auf meine Arbeit zu sprechen und erteilte mir beherzigenswerte väterliche Ratschläge.« Und dabei war Alice Rivaz, achtunddreissig, Tochter des kämpferischen Sozialisten Paul Golay und langjährige Angestellte des Internationalen Arbeitsamtes in Genf, ohne jeden Zweifel die hübscheste Schriftstellerin, welche die Romandie je hervorgebracht hat!
Aber gerade darum, weil sie selbst alles andere als ein Mauerblümchen war und ist, wirkt Alice Rivaz in jener Rolle, die sie mit ihren Texten nach und nach und erstaunlich frühzeitig schon übernahm, derart glaubwürdig und überzeugend: in der Rolle einer vehementen und kompromisslosen Verfechterin der weiblichen Emanzipation. La Paix des ruches von 1947 ist charakteristisch dafür. Dort stehen Sätze wie der von der »bestialischen Schädlichkeit des erwachsenen Mannes«, welche eines Tages »die ganze Erde in eine Ruinenwüste verwandeln« könne, sofern den Frauen nicht vorher die Augen aufgingen und eine Art »Bienenfriede« eintrete. Was nicht mehr und nicht weniger meint als »die wohlüberlegte Ausschaltung der männlichen Spielverderber«, wie sie vor Urzeiten im Bienenstaate vollzogen wurde.
Solchen Tönen zum Trotz predigt Alice Rivaz aber nicht etwa die Vermännlichung der Frau. Sie träumt im Gegenteil mit Rilke von jenem »weiblichen Menschen«, der nicht bloss das Gegenstück zum Manne, sondern »etwas für sich« ist und zum Manne in eine Liebesbeziehung tritt »die darin besteht, dass zwei Einsamkeiten einander schützen, grenzen, grüssen«. In ihrem Meisterwerk Jette ton pain von 1979 hat Alice Rivaz diesen »weiblichen Menschen« am Beispiel einer Mutter-Tochter-Beziehung tiefer denn je hinterfragt, wobei, wie immer in ihrem uvre, auch die Trauer um Vergänglichkeit und Tod eine wesentliche Rolle spielt. Noch deutlicher tritt dieser dunkle Bereich in ihrem erschütternden Klagelied Comptez vos jours von 1966 zutage. Ihr hellstes, lebensfrohestes Werk sind demgegenüber die Waadtländer Kindheitserinnerungen LAlphabet du matin (1969). Da ist der vergleichsweise idyllische Beginn eines Jahrhunderts beschrieben, das die nun bald neunzigjährige Schriftstellerin fast ganz miterlebt und literarisch mitprotokolliert hat: präzis, sparsam, zurückhaltend und aus spezifisch fraulicher Optik.
Nuages dans la main ist bei den Editions de l'Aire, Lausanne, greifbar. Deutsch erschien der Roman 1992 in der Edition "Reprinted by Huber", übersetzt von Markus Hedinger (greifbar als Lenos-Pocket).
(Literaturszene Schweiz)
