Nach dem 1.Weltkrieg konnte man am Montmartre einem seltsam  exzentrischen Paar begegnen: Vita Sackville-West,  Tochter des Barons Edward Sackville und der Tänzerin Victoria Dolores Catalina, Ehefrau des Diplomaten Harold Nicolson, mit dem sie zwei Kinder hatte – und Violet Trefusis, verheiratet mit Denys Trefusis, der ihr vor der Hochzeit hatte schwören müssen, sie nie anzurühren. Vita ging als Mann verkleidet, Violet spielte – und war! – ihre Geliebte. Genau so, wie Virginia Woolf sie in ihrem Roman «Orlando» darstellen sollte: den geschlechtlich nicht eindeutig festgelegten Orlando und die laszive slavische Prinzessin Sascha.
Vita Sackville-West, geboren am 9.März 1892 in Knole Castle, gestorben am 2.Juni 1962 auf dem für seine Gärten legendären Schloss Sissinghurst, war aber nicht nur als skandalumwitterte Freundin von Virginia Woolf und Modell für deren berühmtesten Roman bedeutsam.  In Werken wie «The Edwardians» (1930) und  «A Passion Spent» (1931) hat sie die britische Oberschicht der Zeit von König Edward VII ganz unpolemisch und bloss realistisch beschreibend als eine allmählich dem Untergang zutreibende Gesellschaft von Traditionalisten und Moralaposteln diskreditiert. Insbesondere im letzteren Roman, der in der 1948 publizierten deutschen Übersetzung «Erloschenes Feuer» hiess, führt sie dem Lesepublikum das Los der viktorianischen Frau als dasjenige einer Gefangenen von Konvention und männlich beherrschter Gesellschaft vor. Auch wenn sie intellektuell oder künstlerisch begabt war, hatte eine Frau jener Epoche  keine Chance, sich selbst zu verwirklichen, sondern musste zulassen, dass ihre Talente, aber auch ihre Sehnsucht nach Freiheit, an der Seite eines erfolgreichen Mannes allmählich verkümmerten. Obwohl ihm  alle kämpferische Allüre fehlt: wenn je ein Œuvre der Vorkriegszeit die Kennzeichnung «feministisch» verdient, dann dasjenige von Vita Sackville-West.