Meta von Salis-Marschlins

»Petroleusen« oder »Grenadiere« nannte man abschätzig jene »Blaustrümpfe«, die im 19. Jahrhundert in Zürich von der Möglichkeit des Frauenstudiums Gebrauch machten. Als eine von ihnen es 1885 auch in Basel versuchte, provozierte sie die dortigen Professoren zum Beschluss, »dass Frauen unter allen Umständen von der Teilnahme an den Vorlesungen ausgeschlossen seien«. Friedrich Nietzsche hörte davon und schrieb an Overbeck: »Über die Massregel des Fräuleins von Salis habe ich gelacht. Das gehört unter die Feinheiten der agents provocateurs: sie wollte genau das, was sie erreicht hat, eine Abweisung, um daraus für die &Mac221;Agitation&Mac220; Kapital zu schlagen.«
Im Jahr darauf publizierte die gleiche Meta von Salis-Marschlins ein Buch mit dem Titel Die Zukunft der Frau. Und wer sich von den fünffüssigen gereimten Jamben nicht abschrecken liess, konnte da auf eine unmissverständliche Kampfansage gegen »Männerrecht und Frauensklaventum« stossen. Ein erwachsenes Kind, das gesetzlich niemals mündig werde, ein Spielzeug und Lasttier für den Mann, eine Puppe oder ein Kochgenie - dies sei die Frau nun lange genug gewesen. Krieg und Misswirtschaft zeigten zur Genüge, wohin die Männerherrschaft die Menschheit bringe. »Fürwahr, du Salz der Erde wurdest dumm, / das alte Lied ist endlich ausgegeigt!« Gleichberechtigung der Frau heisse von jetzt an die Losung, und sobald die verwirklicht sei, breche ein neues, glücklicheres Zeitalter an.
1892 bekam die Autorin, inzwischen erste Bündnerin mit Doktortitel, Gelegenheit zu praktischem Einsatz. Als nämlich die Zürcher Ärztin und Frauenrechtlerin Caroline Farner wegen Unterschlagung verhaftet wurde und die Presse schadenfroh triumphierte, gelang es ihrem publizistischen Einsatz, die Rehabilitierung der Angeschuldigten zu erkämpfen. Der unterlegene Richter aber erreichte mit einer Verleumdungsklage, dass Meta von Salis ihrerseits ins Gefängnis musste. Nach dem Motto »lieber für ein höheres Recht leiden, als durch Unrecht gedeihen« trat sie in St. Gallen die Strafe an, konnte danach aber nur mit Mühe vom Verzicht auf das Schweizer Bürgerrecht abgehalten werden. 1904 Jedenfalls verkaufte sie Schloss Marschlins und zog mit der Lebensgefährtin, der Lyrikerin Hedwig Kym, nach Capri.
Zwar spielte Meta von Salls mit ihren Schriften - zwei recht eigentlich feministische Romane, Gedichte, Aphorismen und Vorträge zur Frauenfrage - und als mutige Einzelkämpferin eine wichtige Rolle f'ür die Frauenbewegung ihrer Zeit. Dennoch aber dankte sie dem Schicksal, dass es sie »jenseits der ephemeren Bedeutung der Frauenfrage Elitemenschen - Frauen und Männer - als höchste Blüte der Kultur schauen und verehren liess«. Das tönt unverkennbar nach Nietzsche, und tatsächlich stand die Bündner Aristokratin dem als Frauenfeind verschrienen Denker auch persönlich so nahe, dass sie gar als seine Auserwählte ins Gerede kam! Ganz undenkbar wäre das nicht gewesen, heiratete doch auch Hedwig Kym schliesslich noch einen Nationalrat, so dass die Freundinnen 1910 von Capri nach Basel ziehen mussten. Dort ist Meta von Salis am 11. März 1929 mit 74 Jahren gestorben.

Beim Paedia-Media-Genossenschaftsverlag, Thalwil, erschien 1988 Doris Stumps Meta-von-Salis-Auswahl Die unerwünschte Weiblichkeit.

Salis-Marschlins, Meta von

*Schloss Marschlins (GR) 1.3.1855, †Basel 11.3.1929, Historikerin, Schriftstellerin, Frauenrechtlerin. Aus alter Bündner Aristokratenfam. stammend, studierte S.-M. in Zürich und Bern und erwarb 1887 an der Univ. Zürich als erste Frau einen philos. Doktorgrad. Als Studentin bereits hatte sie mit »Gedichte« (1881) und mit dem lyr. Pamphlet »Die Zukunft der Frau« (1886) literar. debütiert. Mit den beiden Romanen »Die Schutzengel« (1889) und »Furchtlos und treu« (1891) setzte sie dann ihre Bemühungen fort, feminist. Anliegen in die Dichtung einzubringen. Mehr Echo fand ihre Tätigkeit als Vortragsrednerin und Mitarbeiterin von Ztschr. wie dem »Bündner. Monatsblatt« oder der »Philanthropin«, dem Organ des Schweizer Frauenverbands »Fraternité«. Am erfolgreichsten war S.-M. mit ihrem Buch »Philosoph und Edelmensch. Ein Beitrag zur Charakterisierung F. Nietzsches« (1897), für das sie Gespräche mit dem ihr persönl. gut bekannten Philosophen von 1887 verwendete. Sie förderte später auch das Nietzsche-Archiv. Grosses Aufsehen erregte ihr Einsatz für die 1892 wegen Unterschlagung verurteilte Zürcher Ärztin und Frauenrechtlerin Caroline Farner, für die sie die jurist. Rehabilitierung zu erkämpfen vermochte, während sie selbst wegen Verleumdung des Richters zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde. Um die Jh.wende wandte sie sich weitgehend von den Zielen der Frauenrechtsbewegung ab, verkaufte Schloss Marschlins und lebte zus. mit ihrer Lebensgefährtin, der Lyrikerin Hedwig Kym, 1904-10 auf Capri und zuletzt in Basel. … Lit.: Schleicher, Berta: M.v.S.-M. Das Leben einer Kämpferin, Erlenbach 1932; Stump, Doris: M.v.S.-M., Diss., Thalwil 1986; dies. (Hg.): M.v.S.-M.: Die unerwünschte Weiblichkeit. Autobiographie, Gedichte, feminist. Schriften, Thalwil 1988.
(Schweizer Lexikon)