Bis zwei Tage vor seinem Tod mit 79 Jahren am 21. Oktober 1931 hat er Tagebuch geführt, dieser Dr.med. Arthur Schnitzler, der anders als der 6 Jahre ältere Sigmund Freud die Erkenntnisse von den Abgründen der menschlichen Seele nicht in die Wissenschaft, sondern in die Literatur einbrachte. In jene Theaterstücke, die das Stigma des Skandalösen, das ihnen bigotte Zeitgenossen gaben, bis heute nicht losgeworden sind: die Einakterserie «Anatol», die einen Frauenhelden als selbstverliebte miese Figur entlarvt; das Drama der Geigertochter Christine, die an einer Liebe zerbricht, die eigentlich, wie das Stück heisst, nur eine «Liebelei» hätte sein dürfen; «Reigen», dieser Totentanz der Liebe in 10 (desil-lusionierenden) Beispielen, der erst 1920, 23 Jahre nach seinem Entstehen, uraufgeführt werden konnte , den der Autor selbst 50 Jahre verbot und der sogar noch in der Bearbeitung Werner Schwabs 1995 in Zürich zu einem (Urheberrechts-) Skandal führte. Und nicht zuletzt «Professor Bernardi», das Paradestück einer antisemitischen Fertigmacherei, mit dem Schnitzler indirekt seinen Vater, den Klinikdirektor, rehabilitierte.
Noch abgründiger aber ist die Prosa, die Domäne des inneren Monologs: «Sterben» (1894), die Konfrontation zweier Liebender angesichts des Todes; «Leutenant Gustl» (1900), das Geplauder eines Offiziers, das von selbst die ganze erbärmliche Dummheit des Standesdünkels offenbart; «Fräulein Else» (1924), wo eine junge Frau an ihrer Scham zugrundegeht, als sie sich dem Mann, der die Pleite ihres Vaters abwenden kann, nackt zeigen soll. Und eben: die 8000 Seiten Tagebuch, die er mit 17 begann , die er als «Spucknapf seiner Stimmungen und Verstimmungen» sah, aber auch als Ort, wo er sich über die «politisch verschweinte Welt» Rechenschaft gab, und denen er, obwohl er sie 40 Jahre sperrte, mehr Dauer als den Dramen und Novellen zutraute: «Als könnt es mich von der quälenden Einsamkeit befreien, wenn ich jenseits des Grabes Freunde wüsste.»