Als sie 1922 ihren ersten Roman, «Das Labyrinth», veröffent-lichte, hatte die 37jährige Berliner Pfarrfrau Ina Seidel schon ganz schön was durchgemacht. 1895, in Braunschweig, hatte sich ihr Vater, ein bekannter Chirurg, nach böswilligen Verleum-dungen das Leben genommen und war sie mit ihrer Mutter nach Berlin geflohen. Eine Stadt, die für sie «das Erlebnis Preussen» bedeutete und ihr Werk in eine ganz bestimmte Richtung lenkte. 1908, ein Jahr nach der Heirat mit ihrem Cousin Wolfgang Seidel, erkrankte sie an der Geburt ihres ersten Kindes so schwer, dass sie mit einem versteiften und verkürzten Bein «lebenslang in den Stand eines kriegsverletz-ten Soldaten» versetzt wurde. Mit «Das Labyrinth», dem dämo-nischen Roman über den Weltreisenden Georg Forster, konnte sie sich 1922 aber nur mühsam durchsetzen, warben doch zu-gleich auch die Romane «George Palmerstone» ihres Gatten und «Der Buschhahn» ihres Bruders Willy um die Lesergunst. Den Durchbruch brachte 1930 der 1793–1813 spielende Ro-man «Das Wunschkind», in dessen Mittelpunkt Christoph Ech-ter von Mespelsbrun steht, der von seinem Vater kurz vor des-sen Kriegstod bewusst gezeugt worden ist und der von seiner Mutter Cornelie zusammen mit der Cousine Delphine aufgezo-gen wird, die er später heiratet. Aber Christoph fällt bei Lützen, und Cornelie bleibt nur die Hoffnung, «dass die Tränen der Frauen einmal stark genug sein werden, um gleich einer Flut das Feuer des Krieges für ewig zu löschen.»
Geschichte als gottgewolltes Schicksal hat Ina Seidel 1938 auch in «Lennacker» und 1954 in dem beide Romane zusam-menführenden Finale «Das unverwesliche Erbe» gestaltet, mit dem sie zur vielgelesenen Autorin der Adenauerära avancierte. Als sie am 2.Oktober 1974 starb, war ihr Werk aber bereits so gut wie vergessen und erinnerte man sich am ehesten noch an sie, weil sie bis1945 Hitler so häufig und enthusiastisch gratul-iert hatte, dass Werner Bergengruen sie zynisch als «Glückwunschkind» verhöhnen konnte.