«Stacheldraht, mit Tod geladen,/ ist um uns’re Welt gespannt. / D’rauf ein Himmel ohne Gnaden/ sendet Frost und Sonnen-brand./ Fern von uns sind alle Freuden, / fern die Heimat, fern die Frau’n, /wenn wir stumm zur Arbeit schreiten, /Tausende im Morgengrau’n.» Das Dachau-Lied mit dem zynischen, den Spruch über dem Eingangstor parodierenden Refrain «Mach ganze Arbeit, pack an, Kamerad./ Denn Arbeit, Arbeit macht frei» sagt ein Häftling mit dem roten Dreieck der Politischen und dem Judenstern im August 1938, während beide bis zum Bauch im Wasser stehend in der Kiesgrube arbeiten, dem Mithäftling Herbert Zipper vor, von dem er weiss, dass er Komponist ist. Schreiben darf niemand, und schon gar nicht ein Lied, das den Inhaftierten Mut machen soll, und so lernt Zipper den Text aus-wendig, erfindet eine Melodie dazu und gibt es mündlich an die Mithäftlinge weiter. – Verfasser ist der am 8.Dezember 1912 in Charkow geborene, in Wien aufgewachsene Jura Soyfer, der schon als Gymnasiast für das sozialistische Wiener Kabarett geschrieben und mit 19 Kolumnist der «Arbeiter-Zeitung» ge-worden ist. Als 1934 der faschistische Diktator Dollfuss die so-zialistische Partei verbot, ist seine erzürnte Reaktion der (un-vollendete) Roman «So starb eine Partei» gewesen und hat er in den folgenden Jahren in Stücken wie «Der Weltuntergang» und «Broadway Melodie 1492» zu einer immer pessimistische-ren Weltsicht gefunden, die er, sprachlich grossartig, als Absur-dität zu verballhornen wusste. Nicht nur den Kommunisten und den Nazis, auch den Juden ist er am Ende mit illusionslosem Zynismus begegnet. Über die jüdischen Skifahrer von Hitlers Olympiade spottete er 1936: «Gestern rassisch unzureichend,/ Heut den Nibelungen gleichend, / Ziehen wir in Garmisch ein.»
Nach dem «Anschluss» hatte Soyfer im März 1938 selbst per Ski in die Schweiz fliehen wollen, war aber von den österreichi-schen Grenzern gestellt und nach Dachau verbracht worden. Im September 1938 transportierte man ihn nach Buchenwald wei-ter, wo er am 16.Februar 1939 27jährig an Typhus starb.