«Spricht dort Mr. Godfrey Colston?» fragte die Stimme im Hö-rer. «Ja,  ich bin selbst am Apparat.» – «Denken Sie daran, dass Sie sterben müssen», sagte der Mann. «Dame Lettie ist nicht hier», antwortete Godfrey verwirrt. «Wer spricht dort?» – «Der Anruf ist für Sie bestimmt, Mr. Colston.» – «Wer spricht dort?» Der Mann hatte aufgelegt.
Sie sind zwischen 70 und 88, die Protagonisten des Romans «Memento mori». Und es kommt ihnen nicht in den Sinn, dass der Anonymus, der ihnen der Reihe nach telefonisch den Tod verkündet, der Sensenmann selber sein könnte. Alle tun, als ob sie ewig lebten. Und der 87jährige Ex-Direktor Godfrey Colston, Gatte der einst berühmten, jetzt dementen Charmian Piper, Bruder von Dame Letti Colston, wechselt sogar noch die «Ge-liebte», die 24jährige Olive Mannering, die ihm für Geld ihre Beine zeigt, gegen eine andere, die neue Haushälterin Mabel Pettigrew, aus, die ihn die Schenkel, allerdings nicht ohne Hin-tergedanken, schon für ein Pfund sehen lässt. Schliesslich könnte sie beim Poker um das Erbe von Lisa Brooke leer aus-gehen, und die Colstons sind doch immerhin... Jedenfalls ster-ben sie alle, Lettie an einer Schädelfraktur, Godfrey an Pneu-monie, Charmian an Urämie, und niemand hat so klar erkannt, mit was sich die Existenz der Aristokraten in ihrem letzten Le-bensabschnitt vergleichen lässt, wie Miss Taylor: «Wenn man über siebzig ist, kommt man sich vor wie auf dem Schlachtfeld. Alle unsere Freunde sind fort oder verlassen uns gerade, und wir überleben zwischen den Toten und Sterbenden.»
Muriel Spark war 41, als sie 1959 ihren viertenRoman publizier-te. Die in Edinburgh geborene Muriel Camberg hatte 1938 Syd-ney Oswald Spark geheiratet und war mit ihm nach Rhodesien gezogen, wo die Ehe scheiterte und sie zu schreiben begann. In England zurück, wurde Muriel Spark ab 1951 mit insgesamt 23 Romanen zu einer der erfolgreichsten britischen Krimiautor-innen und starb am 13.April 2006 88jährig in Florenz. Was sie vor ihrem Tod für Telefonanrufe bekam, ist nicht bekannt.