Carl Spitteler

In ihrem Briefwechsel nennen Sigmund Freud und C. G. Jung das Herz bisweilen »Kaninchen« und den Körper »Konrad«- ganz so, wie Viktor im 1906 erschienenen Roman Imago von Carl Spitteler dies tut. Aber nicht nur diese Verulkungen, auch der für Jung wichtige Begriff »Imago« lehnt sich an Spittelers Roman an, und nicht zuletzt trug die von Freud ab 1912 herausgegebene psychoanalytische Zeitschrift den gleichen Titel wie Spittelers Meisterwerk.
Ein solches nämlich ist dieser Roman aller Psychoanalyse zum Trotz. Spitteler, der die Jungsche Kanonisierung seines Werks entschieden ablehnte, hatte ja keine Theorien, sondern Bilder geliefert. Und für die Seelenkunde interessant waren diese Bilder einzig deswegen, weil sie auf einer für die damalige Zeit und diesen Dichter geradezu sensationell offenen Selbstdarstellung beruhten. Für einmal hatte der Meister der lyrisch-epischen Verschlüsselung nämlich die Schamlosigkeit zum dichterischen Postulat erhoben und beschlossen, »sich nackt vor das Publikum hinzustellen«. Der Vorfall, den er seinem Roman zugrunde legte, hatte sich allerdings bereits 26 Jahre vor dessen Publikation zugetragen. Damals, 1879, war Spitteler aus Russland in die Schweiz zurückgekehrt und hatte in Bern die Geliebte seiner Träume, die damals neunzehnjährige Cousine Ellen Brodbeck, als Gattin eines anderen wiedergetroffen. Das Mädchen liess sich - das musste er in jenem qualvollen Jahr, das später den Stoff für den Roman liefern sollte, einsehen - nicht mehr zurückgewinnen. Was ihn aber nicht daran hinderte, das Bild (Imago!), das er sich in der Ferne von Ellen erträumt hatte, lebenslang in sich wachzuhalten und in seinem dichterischen Werk - nicht nur in Imago! - immer neu nachzugestalten. Im Roman nun lässt Spitteler den Protagonisten Viktor dichterisch vielfach verfremdet seine damalige »Imago-Passion« nacherleben und sich schliesslich, das Bild der idealen Geliebten unversehrt im Herzen, tief beschämt aus dem Blickfeld der »Verräterin« wegstehlen.
Aber nicht nur die Geliebte entspricht nicht mehr Viktors idealen Vorstellungen. Die Vaterstadt, in die er nach langen Jahren zurückgekehrt ist, erscheint ihm in ihrer Engherzigkeit und Verlogenheit schlicht als eine »Hölle der Gemütlichkeit«. Hat er in der Fremde »offene Arme, warme Aufnahme, gutwillige Duldung seiner Eigentümlichkeit, Nachsicht gegen seine Fehler« gefunden, so trifft er hier auf »engherzige Nörgelei, Unfehlbarkeitsdünkel, Verneinung seiner gesamten Persönlichkeit«. Was die psychologisch so ergiebige Liebesgeschichte betrifft, so gilt bei aller Sympathie für den unglücklich verliebten Viktor dennoch Spittelers Aussage, er habe den Helden »ins Unrecht gesetzt«. Die harsche Kritik, der er das vielbeklagte Phänomen der helvetischen Enge unterzieht, trifft dagegen den Nagel immer wieder auf den Kopf. Es hat in unserem Jahrhundert kaum mehr einen zweiten Roman gegeben, der das Ungenügen an der Schweiz so tiefschürfend und so virtuos formuliert zum Ausdruck gebracht hätte wie Spittelers Imago. Und dies, obwohl der Roman doch in einem ganz leichten, spielerischen, mit Humor und Ironie nur so gespickten Parlando daherkommt.


Imago ist als Band 658 der Bibliothek Suhrkamp greifbar.
(Literaturszene Schweiz)