Orlando Spreng

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Man schrieb 1940, das Vaterland war in höchster Gefahr, und ausgerechnet da zirkulierte unter den Soldaten ein Buch, das sich aus tessinischer Sicht über den militärischen Drill lustig machte, zu befreiendem Lachen reizte und doch nachdenklich stimmte. Es schilderte in einfacher Sprache das RS-Erlebnis des naiven dicken Tessiners Senzapace, den ein Offizier mutwillig einen Härtetest machen lässt, so dass er monatelang im Spital liegt, bis seine Bauernnatur und die Zuneigung von Mutter und Braut den Sieg davontragen und er die Militärerlebnisse auf seiner Alpe wieder vergessen kann. Rekrut Senzapace hiess das Buch und war von R. J. Humm ins Deutsche übersetzt worden. Der Autor dieses schweizerischen »Schwejk« aber war ein einfacher PTT-Beamter namens Orlando Spreng.
1908 als Sohn eines Berners und einer Cremoneserin in Sesto Cremonese (I) geboren, hatte es ihn als Pöstler nach Bern verschlagen, als ihm 1939 mit La recluta Senzapace das literarische Debüt gelang. Ins Tessin zurückgekehrt, publizierte er, immer im Schalterdienst tätig, vier weitere Bücher, von denen Jakob Bührer zwei ins Deutsche übertrug: Il reduce (Der Heimgekehrte, 1941/43) und Gioia (Novellen, 1941). Unübersetzt blieben die Novellen Capitan und Il sesso forte von 1940. Als Orlando Spreng am 26. Januar 1950 mit 42 Jahren einer Erbkrankheit erlag, hinterliess er den Roman Il Lago, den Guido Calgari 1952 herausbrachte.
Bis 1988, als der Schreibende Il reduce auf deutsch neu zugänglich machte, gab es von Orlando Spreng jahrzehntelang keine Bücher mehr zu kaufen, weder italienische noch deutsche, und der Versuch des Tessiner Fernsehens, Recluta Senzapace zur Dialektkomödie zu verharmlosen, war die einzige dürftige Erinnerung an diesen Dichter, die man sich zu Beginn der achtziger Jahre noch geleistet hat. Ist es der deutsche Name? Ist es die Beziehung zu Cremona wie sie in Il reduce so grossartig aufleuchtet? Oder war es das Chiesa-Syndrom, das die ernstzunehmende Tessiner Literatur ein halbes Jahrhundert lang auf die Produkte eines einzigen Autors reduzierte? Denn ein Tessiner Autor ist Spreng ohne Zweifel gewesen, aber einer, der mittendrin stand zwischen Deutschschweiz und Tessin! Es gibt in Il Lago, diesem genuinen Tessiner Roman, eine Passage, die deutlich macht, warum gerade dieses Werk nicht übersetzt wurde. Da nämlich, wo von jenen die Rede ist, »che vengono in vacanza d'oltre Gottardo, coi biglietti blu, e dicono &Mac221;schön, schön, quanto costare?&Mac220; «, während die Tessiner ihre Arbeitskraft und ihre Identität verkaufen und noch immer so schön singen dabei ...
Sprengs grossartigstes Werk ist wohl der Cremoneser Roman Il reduce. Eine Heimkehrergeschichte, die die innere Verwüstung eines Menschen durch den Krieg - Mussolinis Abessinienkrieg - mit einer Eindringlichkeit und einer bildhaften Kraft zeigt, die ihresgleichen sucht in der Kriegsliteratur der ganzen Epoche. Zudem: kaum ein Schweizer Buch ging je so leicht und geschmackvoll mit dem Thema Liebe und Erotik um wie dieser südländisch-sinnliche, so ganz italienische und so ganz unschweizerische Roman, auf den das Tessin sehr, sehr stolz sein dürfte!


Der Heimgekehrte ist seit 1988 mit einem Nachwort von Charles Linsmayer als Band 2 der Edition »Reprinted by Huber«, Frauenfeld, greifbar.
(Literaturszene Schweiz)

Spreng, Orlando

*Sesto Cremonese (Italien) 30.10.1908, †Lugano-Viganello (TI) 27.1.1950, Schriftsteller. Der Sohn eines Berner Käsers und einer Cremoneserinverbrachte seine früheste Kindheit in Sesto Cremonese und besuchte in Mendrisio das Gymnasium. 1926 trat er in den Dienst der Post und arbeitete bis 1948, als ein Gehirnschlag ihn halbseitig lähmte, als Schalterbeamter in Mendrisio, Bern und Lugano. Nachdem er bereits früh in Ztschr. kürzere Erzählungen veröffentlicht hatte, gelang ihm 1939 mit dem auf die Kriegsmobilmachung hin erschienenen Tessiner Soldatenroman »La Recluta Senzapace« (dt. 1940 als »Rekrut Senzapace«) ein spektakulärer Erfolg. Für einen Moment wurde der begriffsstutzige, aber gutmütige dicke Rekrut Senzapace für das Lesepublikum aller drei grossen Landessprachen zu einer populären Figur. Der Erfolg hatte allerdings den Nachteil, dass S. einseitig auf das Image eines volkstüml. Soldaten- und Heimatdichters festgelegt wurde und sein zweites grosses Werk, »Il reduce«, dt. »Der Heimgekehrte« (R., 1941) in keiner Weise die ihm gebührende Beachtung fand. Es handelt sich um eine in Cremona angesiedelte Heimkehrergeschichte aus der Zeit des Abessinienkriegs. Der Misserfolg mit diesem ep. Meisterwerk liess S. resignieren und hatte zur Folge, dass er seinen dritten, bereits 1944 vollendeten Roman »Il lago«, eine Darstellung des Tessiner Identitätskonflikts angesichts der Deutschschweizer Kolonisation, unveröffentlicht liess. Erst 1952 brachte G. Calgari das Buch mit wenig Echo auf den Markt. … Lit.: Linsmayer, C.: O.S. und sein Roman »Il reduce« oder Wie die ital. Literatur beinahe zu einem Berner Schriftsteller gekommen wäre, in: O.S. »Il reduce«/»Der Heimgekehrte«, Frauenfeld 1988.
(Schweizer Lexikon)