Karl Stauffer-Bern

Wäre es nach Karl Stauffer gegangen, so hätte Alfred Escher, der legendäre Schweizer Eisenbahnkönig nicht nur in Zürich, sondern auch im süditalienischen Paestum ein Denkmal erhalten: einen monumentalen Tempel, geschmückt mit diamantenäugigen Götterstatuen. Weit mehr als Eschers Ruhm war bei der Planung des hybriden Heiligtums allerdings sein Geld im Spiel: jene Millionen, die Lydia, seine einzige Tochter, der Schweizer Industrie entziehen und den Musen opfern wollte. Der Mann, der ihrem Flehen nachgegeben und sie im November 1889 dem ungeliebten Gatten entführt hatte, sollte an ihrer Seite in Italien die kühnsten Ideen seines Künstlertums realisieren können. Dass Stauffers Pläne, mit denen er dem verhassten Impressionismus eins auswischen wollte, in blutleeres Epigonentum ausmünden mussten, wie denn überhaupt seine Kunst bei aller Genialität eher eine Blüte an einem absterbenden Ast denn einen zukunftsträchtigen neuen Trieb darstellte - das konnte Lydia Welti-Escher in ihrer bildungsbürgerlichcn Beschränktheit ja nicht erkennen. Und zur Probe aufs Exempel sollte es auch gar nie kommen, denn Stauffer wurde als Mensch zu Fall gebracht, bevor er als Künstler endgültig in die Sackgasse geriet.
Sein Rivale war ja nicht »irgendwer«, sondern Dr. Emil Welti, Sohn von Bundesrat Welti, und Lydia war ihm, wie böse Zungen behaupteten, mit ihrem Riesenerbe und der Nobelresidenz Belvoir deshalb zugefallen, weil Welti senior Escher bei dessen ehrgeizigen Plänen die Stange gehalten hatte. Mit Hilfe des Vaters und des Schweizer Gesandten in Rom gelang es Welti denn auch spielend, Lydia als geisteskrank zu internieren und Stauffer wegen Vergewaltigung einer Irren inhaftieren zu lassen. Damals, im Florentiner Kerker, hat Stauffer in tiefster Not zu schreiben begonnen. »... das weiss ich, dass der HERR mich in den letzten Wochen stark gepresst hat und dass ich Dichter geworden bin an Leib und Seele.« In von Verwirrung, aber auch von Begabung zeugenden erschütternden Versen beschrieb er seine Liebe und das Unrecht, das ihm geschehen war.
Obschon er schliesslich freigesprochen wurde, verfiel Stauffer in der Schweiz, wo die Presse seine mächtigen Gegner zu fürchten hatte, gänzlich der öffentlichen Ächtung. Nachdem auch seine Geliebte dem Druck nachgegeben und sich von ihm losgesagt hatte, starb er am 24. Januar 1891 in Florenz mit 34 Jahren an einer Überdosis Chloral. Lydia, die nach Überlassung grosser Summen von ihrem Mann geschieden worden war, schickte einen Kranz: »Den Manen meines unvergesslichen Freundes.« Kurz bevor sie sich im Dezember 1891 das Leben nahm, konnten die Weltis sie noch dazu bringen, ihr übriges Erbe als »Gottfried-Keller-Stiftung« dem Bund zu vermachen. Das Legat, das vieles übertünchen musste, schmückte sich so mit dem Namen jenes Mannes, den Stauffer scharfsichtig wie kein zweiter porträtiert hatte: 1886, im Gewächshaus des Belvoir, unter der Obhut jener Frau, die ihm zum Verhängnis werden sollte. (Literaturszene Schweiz)