«Ich könnte meinem Buch grollen, denn es hat mir viel Böses getan. Es hat meinen Lebensgang einsam gemacht. Und doch, bedenke ich, was aus mir geworden wäre, wenn ich das Wort, das mir auf die Seele gelegt worden war, verschwiegen hätte – dann segne ich das Buch, das mich zwar äusserlich geschädigt, aber die innere Gesundheit des Geistes und Gemüts mir, und ich darf mich trösten, auch manchem anderen noch, erhalten hat.» Die Rede ist von «Das Leben Jesu», publiziert 1835 und postulierend, Jesus sei eine «Idee» und nicht eine historische Person gewesen, die Wunder aber seien naturwidrig und nur «mythisch» erklärbar.
Der am 27.Januar 1808 in Ludwigsburg geborene, 1835 als Dozent am Stift Tübingen tätige David Friedrich Strauss löste mit dem Buch eine hitzige, jahrzehntelange Kontroverse aus, die ihren Höhepunkt erreichte, als der streitbare Theologe Anfang 1839 als Professor für Dogmatik nach Zürich berufen wurde. Mit einer Unterschriftensammlung erreichte das konservative Landvolk, dass Strauss schon vor Amtsantritt mit einer Monatsrente von Fr. 1000 pensioniert wurde, gab sich damit aber nicht zufrieden, sondern führte am 6.September 1839 im «Züriputsch», der 14 Todesopfer forderte, den Sturz der liberalen Regierung herbei.
Strauss lebte, ohne jemals wieder eine Stelle zu bekommen, als freier Schriftsteller und vereinsamte zusätzlich, als seine Ehe mit der Sängerin Agnes Schebest scheiterte. Obwohl er mit dem «Leben Jesu» der Theologie neue Wege gewiesen und sich keineswegs als Gottesleugner verstanden hatte, entfernte er sich in der Folge immer weiter von Standpunkt der Reformierten Kirche und stellte in «Der alte und der neue Glaube», seinem letzten, zwei Jahre vor seinem Tod am 8.Februar 1874 erschienenen Werk, das Christentum radikal in Frage. Der Glaube an Teufel und Sündenfall sei grotesk, die Dreifaltigkeit eine Zumutung, die Auferstehung ein Humbug.