««Sie reden nur Stuss, sie reden nur Unsinn und verdienen viel Geld damit», rief sie Bundesfamilienministerin Angela Merkel zu, ehe sie am 3.Juli 1992, nicht ohne das Mikrofonkabel lasziv unter dem Rock hervorzugraben und dem Publikum an die Köpfe zu schmeissen, die NDR-Talkshow zum Thema Abtreibung verliess. Die vierfache Mutter und Abtreibungsgegnerin hiess Karin Struck, war 45 Jahre alt und hatte 1973 mit ihrem Roman «Klassenliebe», dem tagebuchartigen Bericht über die intellektuelle Selbstfindung einer Frau, die, wie die Autorin selbst, aus dem Arbeitermilieu stammt, den begeisterten Beifall der Feministinnen und weit darüber hinaus gefunden.
Die Rolle einer literarischen feministischen Gallionsfigur spielte die bildhübsche, für ihre unkonventionellen Auftritte bekannte Autorin auch in Romanen wie «Die Mutter» (1975), «Lieben»(1977) und «Trennung» (1978), überwarf sich aber 1982 mit Suhrkamp-Boss Unseld, der ihr Manuskript «Zwei Frauen» kritisiert hatte. So publizierte die bis dahin von den Medien gehätschelte Star-Autorin in Aussenseiterverlagen und verlor 1992 auch ihre feministische Klientel, als sie sich mit «Ich sehe mein Kind im Traum» als Abtreibungsgegnerin und engagierte Katholikin outete.
Fast völlig vergessen und bis auf die katholischen Medien ohne Publikationsmöglichkeit, verdiente Karin Struck ihr Leben in den 90er- Jahren als Haushälterin, schrieb aber, bis der Krebs sie lähmte, weiter an ihrem Werk, das nun die Frau ebenso als Mutter, Heilige oder Hure umschrieb, wie sie in den ersten Büchern für die Infragestellung von Ehe und Familie und die Zerstörung der traditionellen Werte gestanden war. Einer Losung aber blieb die leidenschaftlich-kämpferische Autorin, die am 14.Mai 1947 in Mecklenburg geboren war und am 6.Februar 2006 in München starb, über alle Wandlungen hinweg treu: dass «ohne Liebe alles nur leeres Getön» sei.