«Das kostbarste allen kostbaren Blutes wäre nötig, um die Verschmut-zung, die Swinburnes Dichtung in die englische Literatur hineingebracht hat, wieder auszulöschen.» Algernon Charles Swinburne war am 10. April 1909 im Alter von 72 Jahren in London gestorben, und schon eine Woche später, am 18. April brach Domherr Mason von der Kanzel der Kathedrale von Canterbury aus mit den zitierten Worten endgültig den Stab über ihn. Der aus dem Kreis der Präraffaeliten hervorgegangene Lyriker und Dramatiker hatte nämlich nicht nur den Jesus-Kult als überlebt taxiert, sondern in seinen klassizistisch verbrämten Dichtungen in der Nachfolge von Baudelaires «Fleurs du mal» auch eine sinnlich-offenherzige Art von Erotik zur Darstellung gebracht, die streng tabuisierte Formen wie Homosexualität, Sado-masochismus und Flagellantismus mit umfasste.

Schon das 1865 publizierte Drama «Atalanta in Calydon», die auf Ovid zurückgehende Geschichte des Meleager, der von der Liebe seiner eifersüchtigen Mutter Althaea förmlich erdrückt und von ihr getötet wird, als er sich der keuschen Atalanta zuwendet, konnte als Attacke auf die Heuchelei und Sinnenfeindlichkeit des viktorianischen England verstanden werden, provozierte aber weit weniger als die 1866 veröffentlichten «Poems and Ballads». Kein englischer Dichter vor ihm hat sich gleichzeitig über so viele Tabus hinweggesetzt wie Swinburne in diesen formvollendeten Gedichten, die England den Anschluss an die kontinentale Moderne brachten und von einer jungen Autorengeneration als befreiend empfunden wurden. Kurz nachdem er 1878 einen zweiten Band «Poems and Ballads» publiziert hatte, zog er sich, nervlich zerrüttet und alkoholkrank, in die Obhut seines Freundes Theodore Watts-Dunton in Putney bei London zurück und lebte da weltabgekehrt bis zu seinem Tod. 1881 beendete er die bereits 1865 begonnene sinnenhaft-lyrische Mary-Stuart-Trilogie und 1882 erschien als Frucht seiner Auseinandersetzung mit dem Tristan-Stoff seine eigenwillige Verserzählung «Tristram of Lyonesse», die Tristan und Isolde nicht erst im Tod, sondern schon bei Lebzeiten Momente zeitlosen Glücks in grenzenloser Leidenschaft gewährt