Monique Saint-Hélier

1935

 

 

 

 

Wer im Kanton Neuenburg zur Welt kommt und es zu etwas bringen will, tut gut daran, ein Pseudonym anzunehmen und nach Frankreich auszuwandern. Den Beweis dafür hat neben Blaise Cendrars, Le Corbusier und Cilette Ofaire nicht zuletzt auch Monique Saint-Hélier erbracht, die aus La Chaux-de-Fonds stammte, eigentlich Berthe Briod-Eimann hiess und sich in den dreissiger Jahren in Paris als Romanautorin einen Namen machte. Obwohl sie nie mehr dahin zurückkehrte, spielte die engere Heimat für ihr Schaffen lebenslang eine wichtige Rolle als Quelle der Inspiration und imaginärer Handlungsraum. Das La Chaux-de-Fonds der Jahrhundertwende ist denn auch, nostalgisch verklärt und phantastisch verfremdet, der zentrale Schauplatz ihres Hauptwerks, der zwischen 1934 und 1955 erschienenen Roman-Tetralogie «Les Alérac». Dass sie dennoch nicht zur Neuenburger Heimatdichterin wurde, dafür bürgten zwei Erfahrungen, die Monique Saint-Héliers Leben früh prägten: die Begegnung mit Rilke und die Konfrontation mit Krankheit und Tod.
Sie war dreiunddreissig, als ein mysteriöses Leiden sie für immer ans Bett fesselte und ihr, die zunächst Ärztin und später Malerin hatte werden wollen, einzig noch den Trost des Schreibens und des Sicherinnerns übrigliess. Bereits ihren Erstling, den autobiographischen Roman «La Cage aux rêves» («Traumkäfig», 1932), schrieb sie in der Gewissheit eines nahen Todes, und mit Ausnahme der frischfröhlichen Kindergeschichte «Quick» von 1954 sind alle ihre Bücher von jenem verhaltenen Ernst geprägt, den Krankheit und Todesnähe ihr aufzwangen. Ihre Romane wären aber kaum denkbar ohne die Seelenverwandtschaft mit Rilke, den sie noch persönlich kennengelernt hatte und dessen bildhaft-magisches Weltverständnis sie sich schreibend zu eigen machte. So entstand, dem Leiden mühsam abgerungen, ein Werk, das Seite für Seite durch die Intensität der Vision, durch die Kraft des Erinnerns, des Träumens und des Fühlens bezaubert, wenngleich die Fäden der Handlung sich oft im Uferlosen verlieren.
Dass die «A1érac»-Tetralogie insgesamt ein Torso geblieben ist, liegt allerdings nicht bloss an der mehr polyphonen als kontinuierlich-logischen Erzählweise der Dichterin, sondern auch an der Verständnislosigkeit, mit welcher der Verleger Grasset ihr begegnete. 1953, als sie die beiden ersten Alérac-Romane «Bois mort» («Morsches Holz», 1934) und «Le Cavalier de Paille» («Strohreiter», 1936) mit «Le Martin-Pêcheur»(«Der Eisvogel») fortsetzen wollte, zwang er sie, die 1600 Typoskriptseiten auf 400 zu kürzen, so dass zusammen mit dem feinen Bezugsnetz auch das Gesamtkonzept der Romanserie aufs schwerste kompromittiert wurde und die Autorin den folgenden Band, «L‘Arrosoir rouge» («Die rote Giesskanne»), in ihrer Verzweiflung zum Anfang einer neuen Romanfolge erklärte, obwohl auch er aus Bruchstücken des ursprünglichen Projekts bestand. 14 Tage nach Erscheinen dieses Buches, am 9. März 1955, starb Monique Saint-Hélier. Ihr letzter Brief an Lucien Schwob endet mit den Worten: «Ah, les éditeurs – les voilà nos ennemis.»

 

In der Edition «Reprinted by Huber» des Verlags Huber Frauenfeld ist als Band 7 die deutsche Übersetzung von «La Cage aux rêves», «Traumkäfig», in der Übertragung von Hedi Wyss und mit einer fast 100-seitigen Monique-Saint-Hélier-Biographie von Charles Linsmayer greifbar.