»Zwei Nationen Europas standen in schlechtem Ruf: die Italiener und die Deutschen. Ich habe es unternommen, ihnen ihr ehrliches Ansehen und ihren geistigen Rang zurückzugeben.« Diese stolzen Sätze schrieb Germaine de Staël 1809. Mit ihrem sensationell erfolgreichen Roman Corinne ou l‘Italie hatte sie 1807 die erste Hälfte des Versprechens bereits eingelöst. Frucht einer amourösen Italienreise, führt das Buch in seinem ersten Teil dem Leser aus romantischem Überschwang heraus die Kultur, die Geschichte und die Menschen Italiens vor Augen, während der zweite Teil die von der bezauberndcn Italienreisenden Corinna angeknüpfte Liebesbeziehung zu einem englischen Lord ihrem melancholischem Ende zuführt.
Auch De l‘Allemagne, das Buch, mit dem sie das Deutschlandbild der Franzosen korrigieren und die französische Romantik einläuten sollte, basiert auf einer Reise, die Germaine de Staël 1803/4 nach Berlin und Weimar und in den Einflussbereich Goethes und Schillers geführt hatte. Bevor aber dieses Buch 1810 in Paris publiziert werden konnte, trat auf Befehl Napoleons die Polizei in Aktion: sie liess Manuskript und Druckplatten vernichten und zwang die Verfasserin, sich auf ihren Genfer Landsitz Coppet zurückzuziehen. Von dort aus konnte sie auf abenteuerliche Weise nach London fliehen, wo De l‘Allemagne 1813 erschien.
Germaine de Staël, Grande Dame der Französischen Revolutlon, Tochter des millionenschweren Genfer Finanzgenies Jacques Necker, war alles andere als eine harmlose Schriftstellerin! Dank ihren Beziehungen, ihrer geistigen Brillanz und ihrem unbezwingbaren Selbstbehauptungswillen war sie, als auch die grössten Männer vor Napoleon kuschten, zu seiner einflussreichsten Gegnerin herangewachsen und verkörperte, nicht zuletzt auch mit ihren erfolgreichen Büchern, dem mächtigen Diktator gegenüber etwas wie das liberale Gewissen Europas. De l‘Allemagne, diese Huldigung an das poetische Deutschland, war in Wirklichkeit ein virtuos kaschierter Protest gegen die kulturelle Repression in Frankreich. Corinna brachte Napoleon allein deshalb schon zur Weissglut, weil der Roman, obwohl im Jahre seiner italienischen Königskrönung entstanden, den Feldherrn und seine Siege keines Wortes würdigt!
Doch das Unwahrscheinliche geschah, Geist und Charme triumphierten über die Gewalt! Als Germaine de Staël 1817 mit fünfzig aus einem Leben voller Bewegung, Leidenschaft und gelebter Sinnlichkeit gerissen wurde, hatte sie ihren Pariser Salon längst in altem Glanze wieder eröffnet, während Napoleon für immer auf St. Helena verbannt blieb. Dort gestand er seinem Vertrauten Las Cases einmal, dass ihm seine tote Rivalin und ihre Corinna keine Ruhe liessen: »Ich kann sie sehen, ich kann sie hören, ich kann sie fühlen, ich möchte davonlaufen, ich werfe das Buch hin ... Ich werde aber durchhalten, denn ich glaube doch, dass es ein interessantes Werk ist.«


Corinna oder Italien wurde in Dorothea Schlegels Übersetzung neu herausgegeben von Arno Kappler, Winkler, München 1979. (Literaturszene Schweiz)