Ein literarisches Sittengemälde à la Madame Bovary oder Effi Briest, den Roman des ehelichen Treuebruchs, der die Atmosphäre, die Realitäten und Sehnsüchte einer Zeit in der Seele einer schuldig und zugleich wissend gewordenen Frau zu spiegeln vermag - gibt es so etwas auch in schweizerischer Ausprägung? Wer sich, sei es anhand des nur noch in Bibliotheken greifbaren französischen Originals von 1917 oder der 1989 unter dem Titel Genfer Liebe 1913 erschienenen deutschen Übersetzung, in den Roman La Puritaine et lamour von Robert de Traz vertieft, der wird diese Frage nach dreihundert Seiten erregenden Lesevergnügens mit einem überzeugten Ja beantworten.
Was die äusseren Fakten, den Ehebruch und dessen Folgen, betrifft, so kann das Buch allerdings nur schwer mit den genannten Klassikern wetteifern. Zwar kommt es zwischen Clarisse Damien, achtundzwanzig, Ehefrau eines reichen Genfer Bankiers, und dem zehn Jahre jüngeren Bankvolontär Laurent Fabre-Gilles in jenem denkwürdigen Sommer 1913 tatsächlich zu einem intimen Verhältnis. Aber ausser den beiden Verliebten erfährt nie jemand etwas davon. Durch den plötzlichen Tod ihres Vaters zur Besinnung gelangt, bricht Clarisse die heimlichen Beziehungen unvermittelt ab. Laurent kehrt nach Nîmes ins Elternhaus zurück, und der Ruf der Bankiersgattin, im besten Sinne des Wortes eine Puritanerin zu sein, nimmt innerhalb der besseren Genfer Gesellschaft, deren Gesetz die Tradition und deren Leidenschaft das Geldverdienen ist, in keiner Weise Schaden. »Verzicht« heisst, ganz im Sinne des Titels, das letzte Wort. »Für Laurent war sie nur eine Stunde gewesen, kurz, aber intensiv; für sie aber bedeutete er nun das ganze Leben. «
Nein, das Grossartige an dem Buch ist nicht das äussere Geschehen, sondern das psychologische Raffinement, mit dem de Traz das ganze Drama in die Seele seiner Protagonistin hineinverlegt hat, die Virtuosität, mit der er es Schritt für Schritt und unter nie erlahmender Spannung glaubhaft machen kann, wie eine vorbildlich tugendhafte Frau gerade deswegen zur Verführerin und Verführten wird, weil sie zusammen mit ihrer in Konvention erstarrten Umwelt die Erotik als endgültig reglementierte, domestizierte Grösse betrachtet hat.
Robert de Traz, als Schweizer in Paris geboren und erst 1906 nach Genf gekommen, hat als Publizist und Romancier ebenso zur internationalen Ausstrahlung Genfs wie zur Oberbrückung des Grabens zwischen Deutsch und Welsch beigetragen. Sein Roman L'Homme dans le rang von 1913 z. B. brachte in einem entscheidenden Moment aus welscher Sicht begeisterte Zustimmung zur Schweizer Armee zum Ausdruck. Weit besser aber hielten seine literarischen Biographien, wie diejenige der Schwestern Brontë (1939), der Zeit stand. Und eben: La Puritaine et l'amour, der Roman, mit dem de Traz jene Welt des puritanischen Genfer Nobel-Calvinismus, die Amiel so tiefsinnig hinterfragte, auf spannende und bewegende Art und Weise zu anschaulichem Leben erweckt hat.
La Puritaine et lamour ist unter dem Titel Genfer Liebe 1913, übersetzt von Elisabeth Dütsch und kommentiert von Charles Linsmayer, als Band 5 der Edition »Reprinted by Huber«, Frauenfeld, greifbar.
(Literaturszene Schweiz)
