«Sie hatte ihn in einem Rausch der Liebe erwählt. Sie hatte das Schicksal verschmäht, das der Vater ihr gönnte, als er sie in die Arme eines Mannes legen wollte, der sie gewiss auf den sichersten Wegen geführt hätte. Sie hatte entschieden, dem anderen zu folgen, von dem sie wusste, dass er auf Irrwegen ging. Mönche und Priester hatten ihr den Weg der Reue und der Busse heim zum Frieden gewiesen, aber sie hatte lieber den Unfrieden gewählt, als dass sie ihre köstliche Sünde hätte fahren lassen.» Eingebaut in ein grandioses Fresko des mittelalterlichen Gudbrandstals, ist die 1922 erschienene 1200seitige Trilogie «Kristin Lavranstochter» die Geschichte einer Frau, die allen Widerständen zum Trotz an ihrer selbstgewählten Liebe festhält.
Als Sigrid Undset für diesen Roman und das Mittelalter-Epos «Olav Audunssohn» 1928 den Nobelpreis erhielt, hatte die 37jährige einen beschwerlichen Weg hinter sich. Mit 11 Jahren verlor sie 1893 den Vater, 1899–1909 war sie Sekretärin bei der AEG in Kristiania, ihre Texte schrieb sie nachts und fand keinen Verlag, bis Werner Heiberg ihr 1907 das Debüt mit «Frau Marta Oulie» ermöglichte und sie 1911 mit «Jenny» den Durchbruch erlebte. Die Ehe mit dem Mann ihrer Wahl, dem Maler A.C. Svarstad, scheiterte, und ab 1920 lebte sie mit ihren zwei Söhnen und ihrer geistig behinderten Tochter allein auf Gut Bjerkebæk bei Lillehammer. 1940, beim deutschen Überfall, starb ihr ältester Sohn und entkam sie selbst im letzten Moment nach Schweden und von da nach Kalifornien, wo der versöhnliche Band «Return to the Future» und – als Tribut an den katholischen Glauben, den sie 1924 angenommen hatte – ihre Biographie von Katharina von Siena entstanden. Weniger versöhnlich war «Die Umerziehung der Deutschen» von 1945, wo sie behauptete, dass die Deutschen von ihrer aggressiven Brutalität nie mehr loskommen würden. Nach Lille-hammer heimgekehrt, setzte sie bis zu ihrem Tod am 10.Juni 1949 unter dem Titel «Zwölf Jahre» ihr Kindheitsbuch «Elf Jahre» von 1934 fort. Erinnerungen an ein Kind, das so sensibel war, dass es bei Regen immer zu spät in die Schule kam, weil es die Schnecken von der nassen Strasse in die Gärten zurückgetragen hatte.