Aline Valangin
»Eine Frau, die erzählte, und so unterhaltend erzählte wie diese, fand er beruhigend; er hät stundenlang zuhören können.« Das Kompliment ist auf Gania, die ebenso kluge wie schöne, psychoanalytisch und musikalisch geschulte Zürcher Rechtsanwaltsgattin welsch-bernischer Herkunft gemünzt, die Carolin Muhr, den Protagonisten von R. J. Humms Roman Carolin (1944), eine Zeitlang in ihren Bann schlägt. In ihrem Palazzo in einem abgelegenen Tessiner Dorf bekehrt sie den verknorzten schriftstellernden Intellektuellen mit lebensvollen Geschichten aus dem Alltag der Dorfbewohner zu einer realistisch-einfachen, bildhaften Erzählweise.
All dies hat sich im Sommer 1933 tatsächlich so zugetragen, wie es im Roman geschildert ist, und der Einfluss der genuinen Erzählerin, die in Wirklichkeit Aline Rosenbaum-Ducommun hiess und von 1889 bis 1986 lebte, wird in Humms Schaffen nur allzu deutlich spürbar, wenn man das spröde Linsengericht von 1928 mit den betörend sinnlichen Inseln von 1936 vergleicht.
Ein Jahr später schon lagen unter dem bescheidenen Titel Geschichten vom Tal und unter dem Verfassernamen Aline Valangin auch erste Kostproben jener Tessiner Fabulierkunst im Druck vor, die Humm so sehr begeistert hatte: kleine, virtuose Kabinettstücke der Erzählkunst, konventionell geschrieben, aber echt und unsentimental empfunden, voller leuchtender Bilder, unvergesslicher Gestalten und Charaktere. »Diese Bernerin hat Format«, beendete R. J. Humm mit gut gespielter Ahnungslosigkeit seine Rezension, »hoffentlich hört man bald wieder von ihr.« Und wirklich: der Erfolg des Erstlings gab Aline Valangin, die mit ihrem zweiten Mann, Wladimir Vogel, bald einmal definitiv ins Tessin zog, den Mut, sich parallel zu ihrer französischsprachigen Lyrik auch weiterhin als deutsche Erzählerin zu versuchen. Und je mehr sie schrieb, um so weiter entfernte sie sich von der zunächst eingenommenen Perspektive der aussenstehenden vornehmen Schlossherrin, bis sie schliesslich mit Romanen wie Die Bargada und Casa Conti ohne Zögern das Paradox für sich beanspruchen durfte, eine legitime, glaubwürdige, regional verwurzelte und sozial engagierte Vertreterin der Tessiner Literatur in deutscher Sprache zu sein.
Die Schriftstellerin, die im Zürcher Baumwollhof ebenso wie im Castello La Barca in Comologno zahlreichen Verfolgten des Nazi-Regimes rettenden Unterschlupf gewährt hatte, scheute sich auch nicht, schon kurz nach 1945 das heisse Eisen der verfehlten Schweizer Asylpolitik aufzugreifen und unter dem Titel Dorf an der Grenze romanhaft darzustellen. Grund genug, dass dieses Buch, eines ihrer besten, zu jener Zeit nicht einmal bei der linken Büchergilde Gnade fand und erst 30 Jahre später im Zürcher Limmat-Verlag veröffentlicht werden konnte!
Die Geschichten vom Tal sind zuletzt bei San Pietro, Ascona, als Reprint erschienen. 1990 bringt der Limmat-Verlag, Zürich, einen Bericht von Peter Kamber über das Ehepaar Rosenbaum-Ducommun heraus.
(Literaturszene Schweiz)
Valangin, Aline
Eigtl. Aline Rosenbaum-Ducommun, *Vevey (VD) 9.2.1889, Ascona (TI) 7.8.1986, Schriftstellerin und Künstlerin. Die Enkelin von E. Ducommun besuchte in Lausanne das Konservatorium und war bis zu einer Handverletzung Pianistin und Klavierlehrerin in Lausanne und im Elsass. 1915 zog sie nach Zürich, wo sie im Kreise um C.G. Jung Psychoanalytikerin wurde und 1917 den Rechtsanwalt W. Rosenbaum heiratete. In ihrem Haus in Comologno (TI) und an ihrem Zürcher Domizil gewährte das Ehepaar in den 30er Jahren zahlr. Emigranten (I. Silone, K. Tucholsky u.a.) Unterschlupf. Literar. dargestellt ist dies in R.J. Humms Roman »Carolin« (1944), wo V. unter dem Namen Gania auftritt. Einer dieser Emigranten, der Komponist W. Vogel, wurde ihr zweiter Ehemann, lebte mit ihr in Brüssel oder Paris und vertonte ihre ersten Gedichte, die 1936 u.d.T. »Dictées« erschienen waren. Mit den Tessiner Erzählungen »Geschichten vom Tal« (1937) debütierte sie bald danach in dt. Sprache und schaffte mit dem Fortsetzungsband »Tessiner Novellen« (1939) und den Romanen »Casa Conti« (1941) und »Die Bargada« (1943) das Kunststück, in einer Fremdsprache sozial einfühlsame, authent. Tessiner Literatur vorzulegen. Ihre eigene Geschichte gestaltete sie in »Victoire oder Die letzte Rose« (R., 1946), während der 1945 entstandene, erst Jahrzehnte später veröffentlichte Roman »Das Dorf an der Grenze« (1982) die Grenzbesetzung 1939-45, das Alltagsleben eines Tessiner Dorfes und Schicksale der ital. Flüchtlinge und Partisanen schildert. Ohne das Schreiben in frz. Sprache aufzugeben, publizierte V. seit den 60er Jahren vorwiegend dt. Lyrik: »Traumschalmei« (1969), »Tagebuch aus Israel« (1970), »Aussagen« (1971). In ihren letzten Jahren fertigte sie in Ascona, wo sie seit 1954 wohnte, Gobelin-Webereien u.a. nach Motiven von H. Arp an.
Lit.: Kamber, P.: Geschichte zweier Leben W. Rosenbaum und A.V., Zürich 1990. "C.Li.
(Schweizer Lexikon)
Valangin, Aline
Eigentl.: A. Rosenbaum-Ducommun, * 9. 2. 1889 Vevey/Kt. Waadt, 7. 8. 1986 Ascona. - Künstlerin, Musikerin, Erzählerin, Lyrikerin.
Die Enkelin des Friedensnobelpreisträgers Elie Ducommun wuchs in Vevey u. Bern auf u. begann 1904 in Lausanne eine Ausbildung als Pianistin, die sie jedoch einer Handverletzung wegen vorzeitig beenden mußte. Nach einem Zwischenspiel als Klavierlehrerin u. Übersetzerin im Elsaß zog V. 1915 nach Zürich, wo sie zuerst Analysandin, dann Schülerin C. G. Jungs war u. schließlich selbst als Psychoanalytikerin arbeitete. 1917-1936 war sie mit dem berühmten Strafverteidiger Wladimir Rosenbaum verheiratet. Ihr Domizil im »Baumwollhof« wurde bald zu einem literar. Treffpunkt, wo Autoren wie Joyce u. Canetti verkehrten. In der Zeit des Faschismus gewährte das Ehepaar Rosenbaum in Zürich ebenso wie in der Sommervilla »La Barca« in Comologno/Tessin verfolgten Emigranten (u. a. Tucholsky, Silone, Marchwitza) Zuflucht. Literarisch dargestellt ist dies in Rudolf Jakob Humms Roman Carolin (Zürich 1944), wo V. als Gania auftritt. V. selbst debütierte erst 1936, u. zwar in frz. Sprache, mit den bei der Pariser Edition Sagesse erschienenen Dictées: nach musikal. Klangstrukturen gebaute Gedichte, die 1939 im Band L'Amande clandestine (Paris) ihre Fortsetzung fanden. 1937 - V. hatte sich inzwischen von Rosenbaum getrennt u. lebte mit ihrem zweiten Mann, dem Komponisten Wladimir Vogel, abwechselnd in Brüssel, Paris u. im Tessin - erschienen in Zürich als erstes dt. Buch ihre Geschichten vom Tal. Wie beim Folgeband Tessiner Novellen (Zürich 1939) handelt es sich dabei um genau beobachtete Szenen aus dem Tessiner Volksleben, die allem Sentimentalen u. Folkloristischen abhold sind u. ebenso gut von einem genuinen Tessiner Autor stammen könnten. Das gleiche gilt von V.s erstem Roman, Casa Conti (Bern 1941), einer Tessiner Familiensaga, u. von Die Bargada (Zürich 1944), dem Roman eines Hofes, der nur gedeiht, solange er von Frauenhand bewirtschaftet wird. In dem Roman Victoire oder Die letzte Rose (ebd. 1946) gestaltete sie die Geschichte ihrer Familie, während sie sich mit Das Dorf an der Grenze (1945. Ersch. Zürich 1982) an das brisante Thema der schweizerischen Flüchtlingspolitik im Zweiten Weltkrieg heranwagte. Spät erst wandte sie sich auch der deutschsprachigen Lyrik zu, zeigte sich aber mit Bänden wie Traumschalmei (Karlsr. 1969) oder Aussagen (ebd. 1971) unvermittelt auf der Höhe der zeitgenöss. Avantgarde. In ihren letzten Jahren schrieb sie nicht mehr, sondern fertigte in ihrem Haus »Villerna« in Ascona Gobelins nach Motiven von Hans Arp an.
LITERATUR: Peter Kamber: Gesch. zweier Leben - Wladimir Rosenbaum u. A. V. Zürich 1990.
(Bertelsmann Literaturlexikon)