Walter Vogt

 

 

 

 

 

«Erinnern, wie man es aufschreiben kann, heisst immer auch vergessen, wie es war.» Träfer hat das Verhältnis von Leben und Schreiben kein anderer Autor auf den Punkt gebracht als Walter Vogt in «Vergessen und Erinnern» von 1980, in diesem Seelen-Striptease und  Analyse-Ping-Pong mit einer Psychiaterin, die, statt seine  Drogensucht zu heilen, in die Literatur einging. Die Droge war nur das eine, was den  Hauptmann der Schweizer Armee, Psychiater mit eigener Praxis  und Familienvater mit drei Kindern zum Outsider mit skeptischem Blick auf das «Normale» und Sympathien für die Opfer des Systems  machte. Das andere war seine Bisexualität, zu der er  sich immer deutlicher bekannte.
Er hat zwei Arten von Schreiben betrieben, der am 31.Juli 1927 in Zürich geborene und am 21.September 1988 in Muri BE verstorbene Walter Vogt: das erzählende, in dem er mit Büchern wie  «Der Wiesbadener Kongress» (1972), «Die roten Tiere von Tsavo» (1976) oder  «Booms Ende» (1979) zu den brillantesten Erzählern der jüngeren Schweiz und – aus der Erfahrung des Arztes heraus – auch zu deren schärfsten Kritikern gehörte.  Und das bekennende, tagebuchartige, in dem sein Leben auf berührende Weise zum Modell für Leben überhaupt geworden ist. «Vergessen und Erinnern», «Altern», «Schock und Alltag» heissen die Bekenntnisbücher,  die nach wie vor unmittelbar erschüttern und einen Autor zeigen, der im Jahrzehnt von Tschernobyl, Schweizerhalle und dem Aufkommen von  Aids (dem er im Todesjahr sein letztes Stück, «Die Betroffenen», widmete) zum Pessimisten aus Einsicht und Notwendigkeit geworden ist.
Angefangen und geendet aber hat Vogt mit zwei dem Tod ge-widmeten Texten: «Wüthrich», dem Monolog eines sterbenden (Chef-)Arztes von 1966, das die seelenlose Welt der modernen Klinik ad absurdum führt, und dem posthum publizierten «Fort am Meer», in dem einem zum Tod verurteilten Touristen die acht Bewacher wie acht Todesengel erscheinen.