«Wir müssen uns verabschieden. Morgen trete ich ins Kloster ein!» Es ist ein warmer Sommerabend des Jahres 1948, und auf der Brücke beim Zürcher Hauptbahnhof stehen sich zwei Geschwister gegenüber. Otto F. Walter, eben 20 geworden, nach abgebrochenem Gymnasium Buchhändlerlehrling in Zü-rich, und Silja Walter, seine 9 Jahre ältere, am 23.April 1919 geborene Schwester, nach abgebrochenem Germanistikstudi-um Leiterin des Laienspieldienstes der Schweizerischen Kon-gregationszentrale, beide Kinder des Oltner katholischen Verle-gers Otto Walter. Als Otto nicht glaubt, was ihm Silja da ver-kündet, legt sie vor seinen Augen Armreif, Ring und Halskette ab, um zu zeigen, wie ernst es ihr mit der Nachfolge Christi ist, zu der sie sich neun Tage zuvor, am 2252 Meter über Meer gelegenen Schwarzsee am Fuss des Matterhorns, nach einer «völlig realen Begegnung mit Gott», entschlossen hat.
Drei Jahre erschien ihr die Klausur im Kloster Fahr wie eine Wüste und versagte ihr dichterisches Talent, das schon 1935 erste Verse und 1944 den Band «Die ersten Gedichte» mit ih-ren wohl schönsten Zeilen, «Im Walde wiegt der Seidelbast/ Sich leise her und hin. / Seitdem du mich vergessen hast, / Ver-gess ich, dass ich bin», hervorgebracht hatte. Dann aber, als sie den Mann, mit dem sie verlobt war, endgültig vergessen hatte, begann im Turnus von Beten, Arbeiten an der Spulma-schine in der Webstube, Meditieren und Schreiben jene Liebes-geschichte mit Gott, die inzwischen in den zehn Bänden einer Werkausgabe dokumentiert ist, die, obwohl nur wenigen unmit-telbar zugänglich, in ihrer lyrisch-wortgewaltigen Gottesverherr-lichung zu den Höhepunkten der religiösen christlichen Literatur zählt. Dies obwohl Silja Walter trotz Klausur mit Handy und ei-gener Website präsent ist und nach dem Grosserfolg der Fami-liengeschichte «Der Wolkenbaum» von 1991 noch mit 90 Jah-ren daran ging, die Geschichte ihres Grossvaters zu schreiben, der als Fabrikant von Zierkämmen Erfolg hatte, bis der von Coco Chanel erfundene Bubikopf ihn in den Ruin trieb.