»Ich bin Hebamme und Kindermädchen bei allen möglichen Schriftstellern und Dichtern im ganzen Land herum und weit darüber hinaus; den eigenen Kindern aber muss ich Stiefvater sein und sie in halbfertigen Wämsern herumlaufen lassen.« Als Josef Viktor Widmann am 1. Dezember 1902 Carl Spitteler gegenüber diese Klagen laut werden liess, war er seit 22 Jahren Feuilletonredaktor am Bund und galt unbestritten als führender Literaturkritiker der deutschen Schweiz. Bis zu 400 Bücher rezensierte er pro Winter locker und charmant, gelegentlich auch etwas oberflächlich, wie die Fülle es mit sich brachte. Allein die Zahl der von ihm in ihren Anfängen geförderten Schweizer geht in die Hunderte und umfasst so unterschiedliche Autoren wie Ernst Zahn, Arnold Ott, Maria Waser, Charlot Strasser, Hans Mühlestein, Hermann Hesse und nicht zuletzt Robert Walser, dessen erste Texte er druckte und lobend besprach. Kein anderer Autor aber hat Widmanns Ammendienst derart massiv erfahren wie sein Jugendfreund Carl Spitteler, den er mit suggestiver Eindringlichkeit zum Dichten anhielt und dessen Epen er dann jahrzehntelang mit allen ihm zu Gebote stehenden Propagandamitteln gegen den modernen Zeitgeist durchzusetzen versuchte.
Dass dies auch anders herum funktionierte - denn Widmann war ja nicht nur Kritiker, er war auch Epiker, Dramatiker, Erzähler und Lyriker! -, versteht sich von selbst. Und nicht nur Spitteler, auch die andern von ihm protegierten Autoren waren in ihrem Urteil durch Dankbarkeit oder Opportunität häufig überstark befangen, wenn es um Werke des einflussreichen Berner Literaturpapstes ging. Noch effizienter war die Förderung auf Gegenseitigkeit natürlich im Verhältnis zu angehenden Kritikerkollegen wie Adolf Frey, Otto von Greyerz, Fritz Marti oder Eduard Korrodi. Ihnen allen hat Widmann väterlich auf die Beine geholfen, und sie alle haben dann seine Werke in manchmal geradezu grotesker Weise überbewertet.
Was Widmann dichtete, wurzelte in einer biedermeierlich verflachtcn antiken Kulturwelt. Der frühere Töchterschuldirektor hatte eine Vorliebe für griechische Backfische und einen Hang zur Idylle. Von Hause aus Theologe, bekehrte sich der Liestaler Pfarrerssohn zu Schopenhauer, doch nimmt man dem leutseligen Lebenskünstler den tragischen Pessimismus, auf den hin seine bekanntesten Werke, die Maikäferkomödie und Der Heilige und die Tiere, angelegt sind, nicht ab. »Diese verdammte Vergnügtheit«, schrieb er 1892 Arnold Ott, »versperrt mir sicher noch den Platz in der Literaturgeschichte ... « Gottfried Keller, der ihm nicht zu hofieren brauchte, sprach in einem Brief von 1874 das Problem des Epigonentums ganz offen an, als er Widmann zu dessen Drama Mose und Zipora schrieb: »Es macht auf mich den Eindruck, als ob ein heutiger Maler durchaus Bilder malen wollte, die man für echte alte Italiener oder Spanier halten könnte, was freilich immerhin etwas Rechtes wäre.«
In der Edition Francke im Cosmos-Verlag, Bern, ist die Widmann-Auswahl Verehrte Leser, sagen Sie nicht: Nein! greifbar. (Literturszene Schweiz)
Widmann, Josef Victor
Nennowitz (Mähren) 20.2.1842, †Bern 6.11.1911, Schriftsteller und Literaturkritiker. Der Sohn des ehem. Zisterziensermönchs und späteren evang. Liestaler Pfarrers Josef Otto W. (*1816, †1873) besuchte die Volksschule in Liestal (BL) und das Gymnasium in Basel, wo er u.a. Schüler J. Burckhardts war und sich mit C. Spitteler befreundete. Ab 1861 studierte er in Basel, Heidelberg und Jena Theologie, heiratete kurz nach seiner Ordination 1865 Spittelers Tante Sophie Brodbeck und wurde 1868 Vizedirektor der Einwohnermädchenschule Bern.