Gertrud Wilker 19241984

Aus Toten Leben zu schlagen, den Lebenden über das Vergessen wegzuhelfen» sei, belehrt die Ich-Erzählerin einen gewissen Jutzi, «die Dienstleistung der Literatur». Wobei es ihr allerdings erst gelingt, ihrer toten Tante schreibend das im Romantitel versprochene «Nachleben» zu sichern, als sie die eigene tödliche Krankheit in die Recherche einbezieht. Wie der Tod überwunden werden könnte, danach forschte auch Gertrud Wilker selbst, und zwar nicht erst 1980, als sie ihrer lebensbedrohenden Krankheit «Nachleben» abrang. So zeigt der 1966 erschienene Romanerstling «Elegie auf die Zukunft» im kläglichen Niedergang der Familie Conradi letztlich nur auf, wie trügerisch die Hoffnung des Clan-Gründers war, als er verkündete: «Ich will etwas hinter mir zurücklassen, was jedermann sehen kann: Menschenfleisch, das ich gezeugt habe, das von mir zeugt, eine Familie, die mir das Sterben verleidet.» Vier Jahre später dann, nach einem Amerika-Aufenthalt, der die kritischnüchternen Momentaufnahmen «Collages USA» (1968) zeitigte, war es erstmals das Schreiben, dem Gertrud Wilker die Überwindung des Todes zutraute. «Sie mögen ihm die Chance gönnen, seinen Tod wenigstens auf diesem Papier zu überleben», bittet sie die Leser in der Titelgeschichte des Erzählbands «Einen Vater aus Wörtern machen» von 1970. Womit sie auch menschlich eine Versöhnung mit dem Mann antönt, der ihr intellektuelles Potenzial verkannte und sie eine Haushaltungsschule absolvieren und als Dienstmädchen und BehindertenPflegerin arbeiten liess, ehe er ihr doch noch erlaubte, die Matura nachzuholen. Am Berner Humboldtianum nota bene, wo Gertrud Hürsch ihren künftigen Mann, den jüdischen Flüchtling und späteren Mathematikprofessor Peter Wilker, kennenlernte. 1977 dann, als Mutter zweier erwachsener Kinder, machte Gertrud Wilker Liebefeld bei Bern ScienceFiction-gerecht zu einem Ort, an dem sie ein Schriftstück die ganze Menschheit überdauern lässt. «Flaschenpost» heisst die Erzählung im Band «Winterdorf», und die Frau, die da den finalen GAU mit 300 anderen in einem Bunker eine Zeit lang überlebt, hält fest: «Obgleich ich persönliche Hoffnungen aufgab, hoffe ich für meine Wörter. Dass sie strahlensicher seien und das, was vor der Betontüre zerstört wird, überdauern.» In einer Flaschenpost will sie der Nachwelt überliefern, was sie «durch Wörter wiederzubeleben» sucht. Im Jahr darauf, 1978, begann das sechsjährige, von schweren Depressionen begleitete Ringen mit der tödlichen Krankheit, das ausser «Nachleben» und der Song-Anthologie mit dem trotzigen Titel «Leute, ich lebe» den Gedichtzyklus «Zwölf Ansichten des Fujiama» hervorbrachte, der erst ein Jahr nach dem Tod der Sechzigjährigen am 25.September 1984 erschien. Einmal mehr, in eigener Sache diesmal, nimmt sie da den Kampf gegen den Tod auf, gibt am Ende aber, in einer «vom Menschen entrümpelten», wieder jungfräulichen Erde, das Überleben in der Sprache ebenso preis wie das Fortdauern in der Liebe: «Ruhe, / sprachlose, wird herrschen hernach. / Die auferstandene Erde / genügt sich dann selbst. Was braucht sie hernach, / vom Menschen erlöst, noch die Liebe?» Dass der Kampf gegen den Tod letztlich der Liebe zum Leben entsprang, macht der Roman «Jota» von 1973 deutlich, in dem Gertrud Wilker in der Figur des Mädchens J. A., das unvermittelt in Bern auftaucht und die Stadt mit seinem fröhlichen Wesen und seiner arglosen Liebesbereitschaft verzaubert, in wundervoll poetischer Weise ihre durchaus vorhandene! Vorstellung von einem glücklichen Leben Gestalt werden lässt.

Gertrud Wilker

»Obgleich ich persönliche Hoffnungen aufgab, hoffe ich für meine Wörter. Dass sie strahlensicher seien und das, was vor der Betontüre zerstört wird, überdauern.« Die Frau, die sich solches notiert, gehört zu den 300 Menschen, die in einem Berner Bunker als einzige für wenige Wochen einen Atomkrieg überlebt haben. In einer Flaschenpost will sie der Nachwelt überliefern, was sie »durch Wörter wieder zu beleben« vermag. Sie schreibt bis zum bitteren Ende weiter, obschon sie sich einen Moment lang mit dem Gedanken trägt, ein leeres Blatt in die Flasche zu stecken: »Damit sie sich für uns nicht noch schämen müssten!«
So spektakulär die Erzählsituation anmutet - für Gertrud Wilker, die sie sich unter dem Titel Flaschenpost im Prosaband Winterdorf 1977 ausgedacht hat, war es quasi der schriftstellerische Alltag! Von allem Anfang an hatte nämlich der Sinn ihres Schreibens darin bestanden, »Wörter mit Leben vollaufen zu lassen« und damit dem Tod zu trotzen. 1970 schon, in der Titelgeschichte des Bandes Einen Vater aus Wörtern machen, bat sie den Leser, nachdem sie ein virtuoses Porträt ihres Vaters skizziert hatte, er möge ihm »die Chance gönnen, seinen Tod wenigstens auf diesem Papier zu überleben«. Zehn Jahre später, selbst bereits vom Tod gezeichnet, schrieb sie einzig darum einen 300seitigen Roman, um einer vom Leben benachteiligten Verstorbenen ein Nachleben - so der Titel des Buches - zu ermöglichen.
Als Gertrud Wilker 1984 mit 6o Jahren starb, lagen elf Bücher von ihr vor: vier Romane, fünf Bände mit kürzerer Prosa, zwei mit Gedichten. Nichts Bestsellerträchtiges, aber ein Werk insgesamt, dessen Ernsthaftigkeit und künstlerische Qualität ihr ein Nachleben als eine der bedeutendsten Schweizer Autorinnen unseres Jahrhunderts sichern müssten.
Gertrud Wilker hat ja keineswegs bloss Totenklagen verfasst, ganz im Gegenteil! Gerade ihr überstarkes Todesbewusstsein machte sie zu einer kompromisslosen Zeitkritikerin und zwang sie immer wieder, hinter den Fassaden von Konvention und Zivilisation nach einem wirklich lobenswerten Leben zu suchen. So stellte sie in den Romanen Wolfsschatten (1966) und Altläger (1971) schon mitten in der Hochkonjunktur den technischen Fortschrittsglauben und den Mythos vom uferlosen Wachstum radikal in Frage. In Collages USA zeigte sie 1968 mit ernüchternden Bildern auf, dass auch der vielbewunderte American way of life nicht zur Glückseligkeit führen könne. Und 1979, in Blick auf meinesgleichen, brachte sie 28mal ein ungelebtes Frauenleben aufs Tapet - Anklage und Forderung auf Abhilfe in einem. Literarische Höhepunkte ihres Schaffens sind fraglos die Bände Winterdorf und Einen Vater aus Wörtern machen. Am beglückendsten aber dürfte auch für die Nachgeborenen noch immer die Lektüre des schmalen Romans Jota von 1973 bleiben, wo Gertrud Wilker in der Figur des ungebärdigen Mädchens J. A. ihre Utopie vom lobenswerten Leben in wundervoll poetischer Weise Gestalt werden liess.

Gertrud Wilkers Werke sind zum Teil noch bei Huber, Frauenfeld, greifbar. Dort erscheint 1990, herausgegeben von Beatrice Eichmann-Leutenegger und Charles Linsmayer, als Band 6 von »Reprinted by Huber« auch ein Gertrud-Wilker-Lesebuch. (Literturszene Schweiz)