Albin Zollinger
»Wir haben nichts, nichts, Aaron, als dies: dass uns ein Gott zu sagen gab, was wir leiden.« Kaum je ist Albin Zollingers dichterische Physiognomie so präzis auf einen Nenner gebracht worden wie mit diesem Tasso-Zitat, das Kurt Guggenheim ihm gegen Ende von Alles in Allem in den Mund gelegt hat. Er litt ganz offenbar mehr und intensiver als andere, der feingliedrige, überaus zart wirkende Zürcher Oberländer, der zeitlebens alle möglichen Beschützerinstinkte wachrief und einer Geliebten noch mit 46 Jahren schreiben konnte, er mache ihr sein »Bubenkörperchen« zum Geschenk. Er litt an seiner verunglückten Kindheit, an den Eltern, an der besitzgierigen Liebe seiner Mutter vor allem. Er war unzufrieden mit dem erreichten Status eines Primarlehrers, quälte sich ab mit dem engstirnigen Klima seiner Heimat und mit der Borniertheit von Kritikern und Redaktoren, von denen er sich als Dichter verkannt und verraten fühlte. Am meisten aber litt er wohl an sich selbst, an der dunklen Schwermut seines Wesens, an seiner inneren Zerrissenheit und anjenem schöpferischen Ungenügen, das selbst in seinen besten Werken noch irgendwo spürbar ist.
Der gleiche Zollinger, der sich so wunderbar mutig für Ehrismann oder Mühlestein einsetzte und als Zeit-Redaktor gegen den Faschismus antrat, fand sich handkehrum zu politisch motivierten Änderungen bereit, damit Die grosse Unruhe 1939 im Dritten Reich keinerlei Anstoss erregte. Der gleiche Dichter, der aus Schwärmerei für eine seiner Schülerinnen einen dickleibigen Roman schreiben konnte, brüstete sich ein andermal damit, »zum Aufbau seiner Männlichkeit« gleichzeitig »nicht weniger als drei Frauen &Mac221;zum Gebrauch&Mac220; zu haben ... «
Ein ähnlicher Zwiespalt ist auch in Zollingers Dichtung vorhanden. Während seine Lyrik einem zeitlosen, überpersönlichen Ideal verpflichtet ist und gelegentlich höchste Vollkommenheit erreicht, gibt er als Romancier fast unverstellt und oftmals auf Kosten der literarischen Qualität sich selber preis: seine Freuden, Ängste und Verzweiflungen, vor allem aber seine nie gestillte Sehnsucht nach Liebe.
Und doch: wer als Nachgeborener Zollingers Werke studiert, dem geht es nicht anders als Max Frisch, der 1942 acht Seiten lang über den gescheiterten Epiker klagte, um acht Linien. für Albin Zollinger seine Einzigartigkeit als Lyriker übrig zu haben! Der leidenschaftlich engagierte, enthusiastische, aber glücklose Romancier Zollinger macht betroffen, fordert einen heraus, während der Lyriker sich wenig aufregend in die Schar der bedeutenden Poeten einreiht.
Wer die Probe aufs Exempel nicht scheut, vertiefe sich in die sechsbändige Zollinger-Gesamtausgabe des Artemis-Verlags. Auf 3148 Seiten (davon 939 Seiten Kommentar) sieht man sich da weniger mit einem Klassiker als mit einem geistesgeschichtlich höchst ergiebigen, wahrhaft berührenden »Fall Zollinger« konfrontiert, dessen tiefere Hintergründe vor allem im umgänglichen, von Silvia Weimar enzyklopädisch kommentierten Briefband erkennbar werden.
(Literaturszene Schweiz)
Zollinger, Albin
*Zürich 24.1.1895, ebd. 7.11.1941, Schriftsteller. Der Sohn eines Mechanikers verbrachte seine Kindheit in Rüti (ZH) und in Argentinien. 1912-16 absolvierte er das Lehrerseminar Küsnacht (ZH) und begann mit ersten schriftsteller. Versuchen. Nach versch.Vikariaten wurde er 1923 in Zürich-Oerlikon Primarlehrer und behielt dieses Amt bis zu seinem Tode. Daneben redigierte er 1936/37 auf bemerkenswert hohem Niveau und mit mutig-zeitkrit. Tendenz die in Bern erscheinende Ztschr. »Die Zeit« und gehörte auch mit seinem sonstigen publizist. Wirken (»Polit. und kulturkrit. Schriften. Kleine Prosa«, hg. von G. Huonker, Werke, Bd. 6, 1984) zu den weitsichtigsten und integersten Intellektuellen seiner Generation. Als Schriftsteller war er v.a. mit seiner romantisierenden, im Banne einer grossen Tradition stehenden und gleichwohl unverwechselbar eigenständigen Natur- und Liebeslyrik ein Begriff, wie er sie in »Gedichte« (1933), »Sternfrühe« (1936), »Stille des Herbstes« (1939) und »Haus des Lebens« (1939) vorlegte. Die Romane von Z. fanden weniger Anklang als seine Gedichte. Debütiert hatte er mit dem zur Zeit des Sonnenkönigs spielenden, aber dennoch autobiograph. bestimmten Roman »Die Gärten des Königs« (1921). Fast unverstellt autobiograph. war dann der Roman »Der halbe Mensch« (1929), der davon handelt, wie der Künstler Wendelin Bach in versch. Liebesbegegnungen und mit Hilfe der Mazdaznan-Bewegung Klarheit über sich selbst zu finden sucht. Einen vielschichtigen, autobiograph. Roman legte Z. mit »Die grosse Unruhe« (1939) vor. Sein letztes zu Lebzeiten veröffentlichtes Werk, »Pfannenstiel. Die Geschichte eines Bildhauers« (R., 1940), sollte im postum erschienenen zweiten Teil, »Bohnenblust oder Die Erzieher«, seine Fortsetzung finden und ist die wiederum auf persönl. Erlebnissen basierende Erzählung von einem Künstler, der an der Liebe leidet und an der Verständnislosigkeit seiner Umwelt fast zugrunde geht, dann aber doch seinen Mann stellt, als das Land zu Beginn des 2. Weltkrieges in Gefahr ist. Wie stark sein Werk durch leidvolle persönl. Erfahrungen bestimmt und auch belastet ist, zeigte sich durch die Veröffentlichung der erschütternden Briefe an seine erste, 1935 von ihm geschiedene Frau, Heidi Z.-Senn (»Fluch der Scheidung«, hg. von Magdalena Vogel, 1965) und anhand der zweiten Briefslg.(hg. von Silvia Weimar, 1988). - Ausgaben: Werke (4 Bde., 1961/62), Werke (6 Bde., 1981-84).
Lit.: Schumacher, H.: A.Z. Lyrik, Herrliberg 1946; Häfliger, P.: Der Dichter A.Z., Diss., Freiburg 1954; Albrecht, Beatrice: Die Lyrik A.Z., Diss., Zürich 1964; Müller, F.: A.Z., Biographie, mit Bilddokumenten und Materialien (Bd. 1 von A.Z.: Werke) ,Zürich 1981; Jaeckle, E.: Dichter in dieser Zeit, Nachwort zu A.Z., »Pfannenstiel«, nhg. von C. Linsmayer, Zürich 1983.
(Schweizer Lexikon)
Zollinger, Albin
* 24. 1. 1895 Zürich, 7. 11. 1941 Zürich. - Lyriker, Erzähler, Essayist.
Sohn eines phantasiebegabten, grüblerischen Mechanikers u. einer unsteten, abenteuerlustigen Mutter, verbrachte Z. seine Kindheit in Rüti/Kt. Zürich u. in Argentinien, wo sich die Eltern 1903-1907 vergeblich eine neue Existenz aufzubauen suchten. 1912-1916 bildete er sich in Küsnacht/Kt. Zürich zum Primarlehrer aus u. begann mit ersten schriftstellerischen Versuchen. Nach verschiedenen Aushilfsstellen in den Zürcher Gemeinden Wald, Uster, Pfäffikon, Leimbach bzw. Stadel wurde Z. 1923 in Zürich-Oerlikon fest angestellt u. behielt dieses Lehramt bis zu seinem Tod. Daneben redigierte er 1936/37 auf bemerkenswert hohem Niveau u. mit zeitkrit. Tendenz die in Bern erscheinende Zeitschrift »Die Zeit« u. gehörte auch mit seinem sonstigen publizistischen u. journalistischen Wirken (vgl. Politische und kulturkritische Schriften. Kleine Prosa. Hg. Gustav Huonker. Bd. 6, Zürich 1984) zu den weitsichtigsten u. integersten krit. Schweizer Intellektuellen seiner Generation.
Als Schriftsteller wurde Z. den Zeitgenossen v. a. mit seiner romantisierenden, im Banne einer großen Tradition stehenden u. gleichwohl unverwechselbar eigenständigen Natur- u. Liebeslyrik zum Begriff, wie er sie in den Bänden Gedichte (ebd. 1933), Sternfrühe (ebd. 1936), Stille des Herbstes (ebd. 1939) u. Haus des Lebens (ebd. 1939) vorlegte. »Denn das Geheimnis ist bei ihm schon in der Sprache wohl behütet, in diesen Versen, bei denen sich niemals voraussagen läßt, was geschehen wird, die bis in die kühnsten Reime und einen manchmal fast labyrinthischen Satzbau wie Improvisationen anmuten, Wellenschlag eines reinen, von Nähen und Fernen sanft bewegten Gemüts, klanggewordener Traum von Heimat und Griechenland, alter und neuer Zeit, von Hoffnung, Erinnerung und Vergessen« (Emil Staiger im Nachwort zu: Gedichte. Ausgewählt von E. Staiger. Ebd. 1956).
Weil sie dem gängigen Formkanon nicht entsprachen u. zum Teil wohl auch ihres stark gesellschafts- u. zeitkrit. Gehalts wegen fanden Z.s Romane bei den Zeitgenossen, sieht man vom davon wesentlich beeinflußten Max Frisch einmal ab, weit weniger Anklang als seine Lyrik. Z. debütierte mit dem zur Zeit des Sonnenkönigs spielenden, von der seel. Verfassung des gescheiterten, dem Wahnsinn verfallenden Tyrannenmörders René Bonval her aber gleichwohl autobiographisch bestimmten Roman Die Gärten des Königs (Lpz./Zürich 1921). Fast unverstellt autobiographisch war dann der zweite Roman, Der halbe Mensch (ebd. 1929), den Z. nach eigenem Bekunden schrieb, »um eine Lebensnot abzustreifen«, u. der davon handelt, wie der Künstler Wendelin Bach in verschiedenen Liebesbegegnungen u. mit Hilfe der Mazdaznan-Bewegung Klarheit über sich selbst zu finden sucht. Einen vielschichtigen, in Paris, Berlin u. Wien spielenden, um die Figur des gleichfalls autobiograph., an seiner Ehe scheiternden Urban von Tscharner zentrierten Entwicklungsroman legte Z. mit Die große Unruhe (ebd. 1939) vor. Z.s letztes zu Lebzeiten veröffentlichtes Werk, der Roman Pfannenstiel. Die Geschichte eines Bildhauers (ebd. 1940), sollte im postum erschienenen zweiten Teil, Bohnenblust oder Die Erzieher (ebd. 1941), seine Fortsetzung finden u. ist die wiederum auf persönl. Erlebnissen basierende Erzählung von einem Künstler, der an unglückl. Liebe u. der Verständnislosigkeit seiner Umwelt fast zugrundegeht, sich dann aber doch auf sich besinnt, als das Land zu Beginn des Zweiten Weltkriegs in Gefahr ist. Während im ersten Teil von seiten des Freundesbunds der »Pfannenstieler« harsche Kritik an der Schweiz u. ihrer Kultur- u. Gesellschaftspolitik geübt wird, wirkt der zweite Teil mit seiner Utopie einer durch die Kräfte des Bauerntums erneuerten Gemeinschaft versöhnlich. Wie zwei andere postum veröffentlichte Texte - die ins Historische verlegte Eulenspiegelei Der Fröschlacher Kuckuck. Leben und Taten einer Stadt in zwanzig Abenteuern (ebd. 1941) u. Die Narrenspur. Vom Leben des Barometermachers Balthasar Kaspar Zellweger, genannt Baneter Balz, in Stäfa (Erstdr. in: Werke. Hg. Felix Müller. Bd. 2, Zürich 1983) zeigen, verstärkte sich, wohl unter dem Eindruck des Kriegs u. nach negativen Erfahrungen mit der freiwilligen Selbstzensur, die Tendenz zu Konzilianz u. unverfängl. histor. Stoffen in Z.s letzten Lebensmonaten beträchtlich. Wie stark seine Romane durch leidvolle persönliche Erfahrungen bestimmt u. auch belastet sind, zeigte sich bereits bei der Veröffentlichung der Briefe an seine erste, 1935 von ihm geschiedene Frau Heidi Zollinger-Senn (Fluch der Scheidung. Hg. Magdalena Vogel. St. Gallen 1965), insbes. aber anhand der umfassenden Briefsammlung, die Silvia Weimar im Anschluß an die zweite Zollinger-Werkausgabe edierte (Briefe. Zürich 1987).
AUSGABEN: Werke in 4 Bdn. Zürich 1961/62. - Werke in 6 Bdn. Ebd. 1981-84.
LITERATUR: Hans Schumacher: A. Z. Lyrik. Herrliberg 1946. - Paul Häfliger. Der Dichter A. Z. Diss. Freiburg/Schweiz 1954. - Werner Günther: A. Z. In: Dichter der neueren Schweiz 1. Bern 1963. - Beatrice v. Matt-Albrecht: Die Lyrik A. Z.s. Diss. Zürich 1964. - Felix Müller: A. Z. Biogr. Mit Bilddokumenten u. Materialien. In: A. Z.: Werke. Bd. 1, Zürich 1981. - Erwin Jaeckle: Dichter in dieser Zeit. Nachw. zu A. Z.: «Pfannenstiel». Neu hg. v. Charles Linsmayer. Ebd. 1983. Ffm. 1990. - B. v. Matt: A. Z. Der Lyriker in seinem literar. Umfeld. Nachw. zu A. Z.: Werke. Bd. 4, Zürich 1983. - Dies.: Z. als Erzähler. Glanz u. Grenzen seiner Prosa. Nachw. zu A. Z.: Werke. Bd. 5, ebd. 1984. - Gustav Huonker: A. Z., der Publizist. Nachw. zu A. Z.: Werke. Bd. 6, ebd. 1984. - Silvia Weimar: A. Z. als Briefschreiber. Nachw. zu A. Z.: Briefe. Ebd. 1987.
(Bertelsmann Literaturlexikon)