«Seltsam, was die Menschen von ferne in der Schweiz als Freiheit sehen, nimmt sich hier ganz anders aus. Sie sitzen gleichsam auf einer Turmspitze, abgesondert, losgelöst, irgend-wie verloren», notierte sich Stefan Zweig, zur Premiere seines Antikriegsstücks «Jeremias» nach Zürich gereist, am 16.No-
vember 1917 ins Tagebuch. Und fügte nach einem Gespräch mit dem enttäuschten «Kriegsheld»  Fritz von Unruh hinzu: «Auch er weiss, dass Leben alles ist, das Einzige und Letzte , und die letzte Sünde wider den Geist, die einzige, daran zu greifen.»
Hatte Zweig, 1881 in Wien geboren, 1904 zum Dr.phil promo-viert,  aber schon1901 auf «Silbernen Saiten» in den Parnass der (romantischen) Lyrik eingezogen,  vor dem Krieg auf  Sit-ten- und Seelendramen wie die Novelle «Brennendes Geheim-nis» (1911) gesetzt, so wurde er  nach 1918,  mit Friderike von Winternitz in Salzburg lebend, zum literarischen Deuter von Geschichte und Dasein aus den Biografien berühmter Men-schen heraus. Erasmus (1934), den als skrupellosen Zyniker und Despot gezeichneten Reformator Calvin (1936) und den französischen Polizeiminister Fouché (1929) weckte er, jeden für sich, zu dramatischem Leben, während er in den «Stern-stunden der Menschheit» 1927 und1943 zwölf weitere Be-rühmtheiten einem Millionenpublikum  in spektakulären Momen-ten vor Augen führte: Lenin im Zug nach Petersburg, Goethe nach dem abgewiesenen Antrag an Ulrike von Levetzow, Na-poleon bei Waterloo. 1933 wanderten Zweigs Bücher als «nichtarisch» auf die Scheiterhaufen der Nazis, und bereits 1934 verliess er auch Österreich, um nach London, später nach New York und zuletzt nach Rio de Janeiro zu ziehen. Zu seinen letzten Werken gehören die hinreissende «Schachnovelle» und die Autobiografie «Die Welt von gestern», die posthum erschie-nen, nachdem er am 23. Februar 1942 zusammen mit seiner zweiten Frau Lotte jene «letzte Sünde wider den Geist» be-gangen hatte, von der im Schweizer Tagebuch die Rede war...