Ruth Schweikert (1964-2023)

«Mit solcher Intensität und Betroffenheit kann nur jemand über Kränkungen in der Eltern-Kind-Beziehung, Inzest, Aids und Lebensmüdigkeit schreiben, der diese Erfahrungen selbst gemacht hat», orakelte «Cash», als 1994 die am 15. Juli 1964 in Lörrach geborene und am 4.Juni 2023 in Zürich verstorbene Ruth Schweikert mit «Erdnüsse.Totschlagen» literarisch debütierte. Auch wenn das nicht punktgenau zutraf, so ist doch der Bezug zwischen dem, was Ruth Schweikert als Kind, als junge Erwachsene und auch später in Sachen Ausbildung und Beruf, Beziehungen zu Verwandten und Partnern, Mutterschaft und Krankheit bis hin zu einer schweren Krebserkrankung erlebte, und ihrem stark assoziativen, absichtsvoll unlinearen Schreiben so eng und unbeschönigt wie kaum irgendwo sonst in der aktuellen Schweizer Literatur. «Ich würde mir stinkfrech alles aufschreiben», nimmt sich eine Figur im Erstling vor, aber so salopp und leicht gelingt es Ruth Schweikert selbst dann doch nicht. Bis zu «Tage wie Hunde» von 2019, wo sich ihr die Krebskrankheit förmlich aufdrängte, vergingen Jahre einsamen Ringens, bis jeweils ein Buch druckreif war, und doch wusste sie: «Wenn ich nicht mehr schreiben könnte: darüber könnte ich schon verzweifeln.» 1998 erschien der erste Roman: «Augen zu», die Geschichte einer verunglückten Mutterschaft als eine brüchige, haltlose Gegenwart, in die sich eine vom Holocaust bestimmte Vergangenheit und eine unbestimmte Zukunft hineindrängen. Sieben Jahre ging es bis zum zweiten Roman, «Ohio». Er spielt in Südafrika und schildert nebst mehreren anderen die scheiternde Beziehung zwischen Andreas und Merete, die sich in einem Coup de Foudre getroffen haben. Dann vergingen zehn Jahre, bis 2015 der Roman «Wie wir älter werden», erschien. Es ist eine weitverzweigte Familiengeschichte mit Jacques Brunold im Zentrum, der mit zwei Frauen fünf Kinder gezeugt hat. Jacques ist zur Erzählzeit dement, und um ihn herum wickelt sich noch einmal ab, was Ruth Schweikert sich darzustellen vorgenommen hatte: «das ewige Beziehungschaos der Anfangs- und Mittdreissiger, in dem ich eben noch versank».

Besprechnung "Tage wie Hunde" im Bieler Tagblatt vom 06.04.2019